Ev. Ortskirchengemeinde Meuselwitz-Reichenbach/OL
Ludwig Eduard Nollau

Ludwig Eduard Nollau

Einleitung

Migration und Heimatsuche im 19. Jahrhundert und heute

Nollaus Taufeintrag im Kirchbuch Reichenbachs

Ludwig Eduard Nollau ist selbst in seiner Geburtsstadt Reichenbach weithin noch ein Unbekannter. Die Kirchenbucheintragungen zu seiner Geburt und Taufe im Juli 1810 sind fast die einzigen Spuren, die sich hier von ihm erhalten haben. Und doch gehört Ludwig Eduard Nollau zu den besonders interessanten Gestalten unserer Geschichte.

In seiner Biographie begegnen Entscheidungen und Erfahrungen, die dazu reizen, das uns heute bewegende Thema „Migration und Heimatsuche“ im Spiegel des 19. Jahrhunderts wahrzunehmen und zu betrachten. Er gehört zu den vielen Tausend deutscher Auswanderer, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Platz und eine Aufgabe in den Vereinigten Staaten von Amerika suchten. Nollau bricht dorthin auf, weil er sich zum Indianer-Missionar berufen sieht. Zugleich aber ist dieser Aufbruch ein Weg in eine neue Welt hinein. Seine Hoffnungen stehen für die Hoffnungen und Erwartungen der Vielen, die sich damals wie heute auf den Weg machen, um in der Fremde Arbeit und Zukunft zu gewinnen.

Nollau wird dabei durch seine Verwurzelung im Glauben getragen. So wird er in der neuen Umgebung dazu helfen, dass die Ausgewanderten durch die christliche Gemeinde Beheimatung und Orientierung erfahren. Er sieht im Neuanfang in Amerika eine starke Gelegenheit dazu, die konfessionellen Grenzen, die auch die Evangelischen in Deutschland damals weithin trennten, zu überwinden. Einer unierten Kirche, in der Lutheraner und Reformierte zusammenleben und gemeinsam ihren Glauben bekennen, bereitet er den Weg. Zugleich kommt Nollau von der Indianer-Mission zur inneren Mission: Er wird zum Impulsgeber für eine evangelische Sozial- und Bildungsarbeit, die in den Vereinigten Staaten bis heute einen guten Platz hat.

Mit dem Gedenken an Ludwig Eduard Nollau wollen wir seine Lebensgeschichte und die mit ihr verbundenen Themen neu bedenken und einen Beitrag zur Verlebendigung der deutsch-amerikanischen Beziehungen in Kirche und Gesellschaft leisten.

Biografie

Leben und Wirken Ludwig Eduard Nollaus

Ludwig Eduard Nollau

1810 Am 1. Juli wird Ludwig Eduard Nollau in Reichenbach /Oberlausitz geboren. Die Mutter verstirbt, als er drei Jahre alt ist. Seine Stiefmutter erinnert er als „gottesfürchtige Frau“. Ihr verdankt er sein Gottvertrauen.

1823-24 Besuch des Görlitzer Gymnasiums Augustum.
Frühe Kontakte zur Herrnhuter Brüdergemeine wecken in ihm den Wunsch, Missionar zu werden, noch aber fühlt er keine innere Berufung.

1827 Mit 17 Jahren (nach des Vaters Tod) tritt er in den preußischen Militärdienst in Glogau (Schlesien) ein, um sich für die preußische Beamtenlaufbahn zu qualifizieren.

1830 Am 1. Juli, zu seinem 20. Geburtstag, erlebt er seine Bekehrung und Berufung in Erfurt.

1832 Nach erfolgloser Bewerbung bei der Berliner Missionsgesellschaft findet er Aufnahme im Barmer Missionshaus in der Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG). Er erreicht seine Entlassung aus dem Militärdienst.

1837 Nach fünfjähriger Vorbereitungszeit erfolgt am 9. August die Aussendung nach Amerika mit dem Ziel der Indianer-Mission in Oregon, die er gemeinsam mit dem dort schon wartenden Tilman Niess angehen will.

1838 Ankunft in St. Louis. Die Krankheit seines Begleiters Niess verhindert den Aufbruch mit dem Frühjahrstreck nach Westen. Bis zum nächsten Treck kümmert er sich in St. Louis um die stetig wachsende Zahl der deutschen Immigranten. Nach dem Tode von Niess im Herbst wird die Indianermission vorerst abgebrochen.

Pfarrhaus in Gravois, Missouri

1840 Am 15. Okt. wird auf Einladung Nollaus in sein Pfarrhaus in Gravois Settlement (12 Meilen südl. von St. Louis) der „Deutsche Evangelische Kirchenverein des Westens“ gegründet. Es wird eine Satzung mit Hinweis auf den „unierten Bekenntnisstand“ beschlossen und publiziert. Nollau, der jetzt mit der pastoralen Arbeit in Gravois Settlement betraut ist, kümmert sich besonders um die deutschen Auswanderer, deren Verrohung und geistliche Orientierungslosigkeit er beklagt.

Kirche in Femme Osage, Missouri

1841 Bei dem 1. Jahrestreffen des Deutschen Evangelischen Kirchenvereins des Westens am 14. Oktober am Femme Osage (Missouri), wird Herman Garlichs neues Kirchengebäude eingeweiht. Dies gilt als erste Einweihung eines evangelischen Kirchenbaus innerhalb des Evangelischen Kirchenvereins des Westens.

1842 Nollau reist nach Deutschland, heiratet Luise Wippermann und kehrt zu seiner alten Gemeinde für weitere vier Jahre zurück.

1844 Als seine Frau stirbt, will er in den Dienst der RMG zurück und bereitet seine Reise nach Deutschland vor.

1845 Der Kirchenverein veröffentlicht den Nollau Traktat „Ein Wort für die gute Sache der Union“.

1846 Nollau heiratet Anna Meta van Lier.

1847 Nollau wird schon vier Tage nach der Hochzeit, mit seiner Ehefrau nach Worcester in Südafrika entsandt.
Der Deutsche Evangelische Kirchenverein des Westens veröffentlicht einen unierten Katechismus mit 219 Fragen und Antworten, der Elemente der Katechismen Luthers und des Heidelberger Katechismus enthält.

1848 Im Kirchenverein wird eine Verfassung angenommen und die Zustimmung zu einem Bekenntnisparagraphen gegeben, der später fast unverändert von der Ev. Synode von Nordamerika übernommen wird.

1849 Erstmalig wird eine Gemeinde (St. Pauls Church, St. Louis) als Mitglied des Kirchenvereins aufgenommen. Aus der bruderschaftlichen Vereinigung wird eine Kirchenleitung. Nollau, der ohnehin wieder nach Amerika zurückkehren will, erklärt in einem 20seitigen Brief der RMG seinen Austritt aus dem Missionsdienst und segelt mit Frau und kleinem Sohn von Südafrika nach Amerika. Dort übernimmt er wieder den Dienst in seiner alten Gemeinde Gravois Settlement.

1850 wird das „Marthasville Seminary“ in Missouri zur Ausbildung eigener Pfarrer gegründet.
Dort erscheint erstmalig die Zeitschrift „Der Friedensbote“ in deutscher Sprache. Bald danach werden ein Katechismus, ein Gesangbuch und eine Gottesdienstagende gedruckt und in den Gemeinden verbreitet. Sie wirken Identität stiftend.

1854 Nach Gesprächen Georg Walls mit dem Berliner Oberkirchenrat und dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. wird eine allgemeine Kollekte in der Ev. Kirche Preußens für ihre Tochterkirche, den Ev. Kirchenverein des Westens, gesammelt, die dem Theologischen Seminar in Marthasville zugute kommt.

Ev. Krankenhaus Barmherziger Samariter, St. Louis

1857 In St Louis erfolgt durch Nollau die Gründung des Evangelischen Krankenhauses „Barmherziger Samariter“.

1858 Mit dem Bau des ersten Evangelischen Waisenhauses beginnt eine ausgeprägte karitative Tätigkeit.
Der Deutsche Ev. Kirchenverein des Westens wächst zur Kirche.

1866 Der Deutsche Evangelische Kirchenverein des Westens ändert nach 25 Jahren seinen Namen in „Deutsche Ev. Synode des Westens“.

1869 Nollau stirbt in Amerika.

United Church of Christ (UCC)

Weitere Schritte auf dem Wege zur United Church of Christ (UCC)

1872 Vereinigung mit der Synode des Nordwestens. Die Synode des Ostens tritt dem Kirchenverein bei.

1877 Gründung der Deutschen Evangelischen Synode in Nordamerika. 1929 wird der Name „Deutsch“ gestrichen und die Synode „Evangelical Synod“ genannt.

1934 Die „Evangelical Synod“ fusioniert mit der „Reformed Church of the Unites States“ zur „Evangelical and Reformed Church“.

1957 Diese wiederum vereinigt sich mit der „Congregational Christian Church“ zur „United Church of Christ“ (UCC).

Internetseite der United Church of Christ

Nollau-Haus

Ausstellung im “Nollau – Haus”
Die Ausstellung zu Leben und Werk von Ludwig Eduard Nollau im Nollau-Haus Kleine Kirchgasse 6 ist zu folgenden Öffnungszeiten zu besichtigen:
Dienstag bis Sonntag von 14.00 bis 17.00 Uhr
Anmeldungen nach Vereinbarung sind zu den Öffnungszeiten
über Tel. 035828-74311 möglich