Ev. Ortskirchengemeinde Meuselwitz-Reichenbach/OL
St. Johanniskirche (Reichenbach)

Herzlich willkommen in der St. Johanniskirche zu Reichenbach in der schlesischen Oberlausitz.

Die schmucke Kleinstadt Reichenbach aus dem 13. Jahrhundert liegt etwa 15 Kilometer westlich von Görlitz an der via regia, der Hohen Straße, ist Verwaltungs- und Schulzentrum für eine Reihe von Dörfern und liegt inmitten ertragreicher landwirtschaftlicher Flächen. Musik und Kunst wird hier groß geschrieben und jede Chance zur Gestaltung und Profilierung der Stadt gerne genutzt.

Unsere St. Johanniskirche hat ihre Ursprünge im 13. Jahrhundert als Wehrkirche und Erzpriesterstuhl des Bistums Meißen und erhielt ihre heutige Gestalt in den Jahren 1670-74, in denen sie nach einem verheerenden Stadtbrand wieder aufgebaut wurde. Ihre Stileinheitlichkeit in einer prächtigen Frühbarockausstattung mit seltenen Wandmalereien und eine restaurierte Ladegast-Orgel von 1866 machen sie zu einer denkmalpflegerischen Besonderheit weit über diese Region hinaus.

Unsere Kirchengemeinde wurde 1548 evangelisch und war bis 1997 Sitz einer Superintendentur. Seit dem Jahre 2004 gehören wir zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und sind in demselben Jahr mit unserer Nachbargemeinde Meuselwitz fusioniert. Wir leben alles in allem noch in volkskirchlichen Strukturen, in denen die Ökumene aus Evangelisch Freikirchlicher Gemeinde, Katholiken, Adventisten und uns eine lebendige Gemeinschaft bildet, die bei einer Reihe von Veranstaltungen öffentliches Leben in dieser Stadt immer wieder mitprägt.

Aber, wir leben hier eben in Ostsachsen mit all seinen Strukturschwächen und Herausforderungen, die auch für unsere Gemeindearbeit nicht ohne Auswirkungen bleiben. Das stellt unsere Kirche immer wieder vor Herausforderungen und lässt wenig Möglichkeit in Routine zu verfallen. Aber wir vertrauen darauf, dass Gott jede Generation in ihren Problemen getragen hat und so auch uns trägt, Tag für Tag.

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Mit den Fördermitteln des EPLR-Entwicklungsprogramms haben der Freistaat Sachsen und die Europäische Union es uns ermöglicht, das Kulturdenkmal „St. Johanniskirche zu Reichenbach/OL” zu sanieren und so eine Gefährdung der einmaligen Ausstattung im Inneren verhindert. Dafür sind wir sehr dankbar.

Reichenbach im September 2018

Der Gemeindekirchenrat

Bankverbindung:
Ev. Kirchengemeinde Meuselwitz-Reichenbach / OL
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Ausstattungsstücke

Die Prinzipalstücke der St. Johanniskirche

Altar

Altar in 2021
Altar vor 2020

Der Altar ist in seiner Retabel klassisch dreiteilig aufgebaut. Auf dem Sockel (Predella) ist die Einsetzung des Heiligen Abendmahl an Gründonnerstag dargestellt. Rechts und links dieser Bildtafel auf den Pfeilerpostamenten sind die Wappen des Stifterehepaares Ernst von Gersdorff und Sofia Tugendreich von Sanderin Gersdorffin angebracht. Das Zentralbild zeigt Kreuzigung Jesu Christi (Karfreitag), darüber findet sich die Darstellung der Grablegung Jesu und als Altarbekrönung den auferstandenen Christus mit der Siegesfahne (Ostern). Der Altar wurde, wie eine Schrifttafel auf dem Rücken der Retabel ausweist, im Jahre 1685 von Andreas Lembke und George Kayser aufgebaut bzw. farbig gestaltet. 1874, zur 200-Jahrfeier der Wiedereinweihung der Kirche wurde der Altar noch einmal farbig nachgearbeitet, schon 1874 wurde die Vergoldung durch Vergoldermeister Meyer „aufgefrischt”. Im Jahre 1890 stiftete Oberpfarrer Weigand neue Ornamente für die Altarsäulen.

Das voluminöse Schnitzwerk am Altar wurde wohl während der großen Renovierung 1886 aus Sicherheitsgründen abgenommen. Es war im Laufe der Zeit schadhaft geworden und man befürchtete ein Herabstürzen der Teile. Der Altar, wie alle anderen polychromatisch gestalteten Ausstattungsstücke der St. Johanniskirche, wurde durch Anke und Jan Großmann aus Radebeul 1994/95 gereinigt und konserviert und im Jahre 2020 restauriert.

Ursprünglich standen laut Chronik wohl drei Altäre in der St. Johanniskirche. In früheren Zeiten wurden die Altäre meist von reichen adligen Patronatsherren oder vermögenden Bürgern gestiftet. Einen Altar stiften bedeutete zum einen, den Altar auf eigene Kosten durch einen Meister erbauen zu lassen, zum anderen dann aber auch einen Geistlichen auf Lebenszeit zu bezahlen, der an diesem Altar Dienst tat.

Taufstein

Taufstein noch in der Süd-Ost-Ecke

Der Taufstein besteht aus einem Deckel, der über ein Zugseil über die Gewölbedecke nach oben gezogen werden kann und einem Unterbau, der eigentlichen Taufe, die aus Taufbecken und Standfuß besteht. Alle Teile sind aus Holz. Der Deckel besteht aus einer Rankenkrone (ähnlich der Kanzelbekrönung) in deren Mitte die Taufe Jesu im Jordan dargestellt ist. Darüber thront Gott auf einer Wolke und weist auf Jesus hinab und man hört förmlich den in den Evangelien überlieferten Satz: „Das ist mein geliebter Sohn”. Die Taufschale ist von vier Engelgesichtern mit Flügeln gerahmt. Getragen wird das Taufbecken von einem Taufengel, geschürzt mit einem Handtuch über dem Arm. In der Mitte des Taufbeckens befindet sich eine runde Aussparung, in die das metallene Taufbecken eingelegt werden kann. In der Sakristei findet sich gegenüber der Haupteingangstür eine Piscina, in der das Taufwasser eine weitere symbolische Verwendung findet. Das Taufwasser gelangt durch das Mauerwerk an die Außenmauer zu einem Weinstock, der dort an der Südseite mit jeder Taufe wächst, wie die Gemeinde. Die Taufe wurde im Jahre 1682 unter Pfarrer Joh. Adam Gehr (1645 – 1686) erstmals genutzt. 1874 wurde sie durch Tischler Mühle erneuert, da der Unterbau durch Herabstürzen des Deckels beschädigt worden war. 1989 kam sie vergeblich nach Dresden zur Denkmalpflege. Erst 1991 gingen die ersten Teile der Taufe nach München. Hier wurde sie schließlich von Holzrestaurator Alfred René Goehring, einem Verwandten des damlas amtierenden Pfarrers, Gotthard Malbrich, für uns kostenfrei in der farbigen Fassung von 1866 gefestigt und restauriert. Die Taufe kam im Oktober 1995 zurück in die Gemeinde. Der Standort der Taufe war in den vergangenen Jahrzehnten immer die Süd-Ostecke der Kirche. Das ist aber nicht der Originalstandort, das hätte die Wandmalerei als Schattenwurf gezeigt. Deshalb wird der Standort der Taufe wohl da sein, wo üblicherweise die Taufe steht, im Chorraum in der Achse zum Altar. Dann liegt der Sakramentsvollzug auch wieder in der Gemeinde. Bis 2024 soll die Taufe nun aus zwei Gründen restauriert werden. Zum einen greift die Festigung nicht und der Substanzverlust wird immer höher und zum anderen soll sie dann auch auf die Farbfassung von 1682 zurückgeführt werden, wie alle Prinzipalstücke der Kirche.

Kanzel

Kanzel

Die Kanzel ist „der brennende Dornbusch von Reichenbach”. Mit ihrem leuchtenden Gold zieht sie alle Blicke sofort auf sich, lockt an, lässt fragen, und wenn man sich ihr nähert, dann wird man mit den Zeugnissen des Alten und Neuen Testamentes sowie den aktuellen Zeugnissen, der Predigt, konfrontiert. Die Kanzel befindet sich, als verbindendes Element zwischen Langschiff und Chorraum, genau am südlichen Teil des Triumphbogens und besteht aus einem Kanzelkorb mit Aufgang und einem Kanzeldeckel, alles aus Holz gestaltet. Die Kanzel wurde 1685 unter Pfarrer Gottfried Koch (1646-1718) von Daniel Richter, zunächst nur in Holz, erbaut. Der Maler Lodes Schönberg gestaltete sie 1707 farbig. 1888 wurde die Kanzel durch den Vergolder Meyer farblich umgestaltet und marode Teile ersetzt. Das betrifft vor allem die Kanzelbekrönung. Über dem Aufgang zur Kanzel steht eine weibliche Figur mit einem Kreuz in der Hand, die Allegorie der Fides, des Glaubens, eine der drei christlichen Tugenden. Am Kanzelaufgang außen sind von unten nach oben die vier Propheten Daniel, Hesekiel, Jeremia und Jesaja dargestellt, als Zeugen des Alten Testamentes. Jeremia ist der einzige der Propheten, der ein Büßer- und Trauergewand an hat. Das lässt darauf schließen, dass sich hier die Reichenbacher Bevölkerung mit dem über Jerusalem klagenden Propheten verbunden sieht, denn Diakon Kirchhof sagte in seiner, bei der Einweihung des Kirchthurms (sc. 1629 durch Blitzschlag abgebrannt) 1646 gehaltenen Dank- und Ehrenpredigt: „Den Israeliten sind auch wir gleich geworden in ihrer Bitterniß und Elend.” Und meint damit den in Trauer und Buße gehenden Jeremia, der über seine abgebrannte und zerstörte Stadt Jerusalem klagt.

Am Kanzelkorb finden sich als Zeugen des Neuen Testamentes die vier Evangelisten und als Mitte eine Darstellung des Wortes aus Joh 1,17 „Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.” Auf dem Kanzel- oder Schalldeckel steht Johannes der Täufer, der auf den Auferstanden auf der Altarbekrönung zeigt. Unter dem Kanzelkorb hängen die Wappen derer von Gersdorff. An der Unterseite des Kanzelaufganges findet sich eine Inschrift, die den Hergang der Brandereignisse von 1670 und den Erbauer der Kanzel von 1685 ausweist.

Beichtstuhl

Beichtstuhl – vorher 2015 – nachher 2016.

Der Beichtstuhl steht in der Nordostecke des Altarraumes und stammt von seiner Gestaltung her etwa aus der gleichen Zeit wie die Patronatsloge, die an ihrer Unterseite mit 1685 datiert ist. Somit gehört er höchstwahrscheinlich zur Erstausstattung der Kirche nach dem großen Brand von 1670. Er war also von Anfang an ein evangelischer Beichtstuhl. Darauf weisen auch seine Struktur und seine Bilderfolge hin. Der Innenausbau weist keine Trennwand auf, sondern zwei nebeneinander liegende Sitzplätze und eine davor liegende Kniebank. Der Beichtstuhl besteht ganz aus Holz und wurde mehrmals übermalt und farblich verändert. Die Bilder auf den Feldern der Außenwand zeigen eine dem Lutherischen Beichtbüchlein entnommene biblische Bilderfolge, die die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner und von der Heilung des Gichtbrüchigen darstellt. Damit ist der Ablauf einer rechten Buße gezeigt: Der Ruf, Herr, sei mir armen Sünder gnädig und die Zusage Jesu: Dir sind eine Sünden vergeben. Die Salbung Jesu durch die Sünderin und der Verlorene Sohn runden diese Bilderfolge ab. Im Innenraum haben wir dann noch drei Motive aus den „Emblemata sacra” von Daniel Cramer, die allesamt Verheißungen der Beichte in lateinischer Sprache darstellen und die im Baldachin mit einem offenen Himmel mit Engelgesichtern ihren Höhepunkt finden. Der Beichtstuhl wurde 2016 restauriert.

Wandmalereien des Chorraumes

Wandmalerei – Christus, der Sieger – Ostwand

Die Wandmalerei füllt den ganzen Chorraum und stellt den Schattenwurf der dort aufgestellten Ausstattungsstücke dar. Zentral ist dabei der Altar, der die ganze Ostwand noch einmal als Schattenwurf gestaltet und uns dabei eine Ahnung davon gibt, wie er ursprünglich einmal ausgesehen hat und welche Gestaltungselemente seither verloren gegangen sind. Die seit 1996 durch Wandrestaurator Frank Michael Heidrich freigelegte Wandmalerei zeigt auf der Ostwand, wie es Christian Gottlieb Käuffer schon in seiner Chronik versprochen hatte, den Altar als Schattenwurf und damit in seiner ursprünglichen Gestalt. Die linke Ostwandhälfte (Norden) weist neben der Gestalt des Altars auch die Werkzeuge zur Kreuzigung (Lanze, Kreuz, Essigschwamm, Hammer) aus und die rechte Ostwandhälfte weist die Werkzeuge der Gefangennahmen und der Folterung Jesu Christis aus (Lanze, Schwert, Feuerkorb, Geißel, Morgenstern). Der Schattenwurf der Altarbekrönung zeigt statt des siegreich Auferstandenen Christus zu Ostern visionär den wiederkommenden Herrn in seinem Sieg über den siebenköpfigen Drachen mit den zehn Hörnern (Offb 20,1-3) und die apokalyptischen Mächte Tod, Teufel und der Hure Babylon, die sich unter dem Mantel des Auferstandenen zeigen. Das alles ist dem heute noch vorzufindenden und seit 2021 wieder restaurierten Altar in den vergangenen fast 350 Jahren durch Wurmfraß und Feuchtigkeit verloren gegangen. Der Beichtstuhl ist ebenfalls an der Ecke Ost- und Nordwand als Schattenwurf abgebildet. Auch hier zeigt sich, dass der in früherer Zeit eine Bekrönung aufwies, die dem Taufdeckel und dem Kanzeldeckel gleich gestaltet war. Die Patronatsloge ist ebenfalls als Schattenwurf ummalt, die die wenigen Verluste ausweist.

Erzengel Michael – Südfenster Chorraum

Die Umrahmungen der Epitaphien kamen später als Übermalung dazu und „zerstörten” damit wohl auch einen Teil der ursprünglichen Gesamtkomposition der Wandmalerei. In wieweit die „Offene Loge” auch gerahmt ist, ist zum Zeitpunkt (04-2021) noch nicht zu sagen. Die beiden Stifterepitaphien an der Nordwand werden sicherlich eine Rahmung haben und auch die Wandmalerei wird das Triumphierat Christus, St. Michael mit der dritten Figur über dem Nordwandfenster noch vollenden.

DIE WEITERE AUSSTATTUNG DER ST. JOHANNISKIRCHE

Patronatsloge

Patronatsloge restauriert

Die Patronatsloge war für die jeweiligen Patrone der Kirche gedacht. Patron kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Schutzherr. Patrone waren oft die zur Kirche gehörenden Rittergutsbesitzer oder aber Vertreter der Stadtverwaltung. Sie hatten das Recht der Pfarreranstellung und die Pflicht zur baulichen Erhaltung der Kirche. Auch waren sie für die Einhaltung der rechten lehre zuständig, im Jahrhundert nach der Reformation ein wichtiger Faktor. Für Reichenbach waren das über mehrere Jahrhunderte die Familien von Gersdorff, von Roon, von Sander und von Kiesewetter. Die Patronatsloge in der St. Johanniskirche gehört zur Erstausstattung bei der Wiedereinweihung 1674 und stand wahrscheinlich ursprünglich ungefasst im Holzton. Erst 1685 wurde sie gleichzeitig mit Altar und Kanzel farblich gefasst. Im Jahre 1888 wurde im Zuge der großen Renovierung die Loge farblich verändert. Die drei Bilder zeigen biblische Motive aus dem Alten Testament des Königs Josia, die die Pflichten des Patrons aufzeigen: v.r.n.l.: die rechte Lehre verteidigen, den Aberglauben bekämpfen, den Kirchbau fördern

Pfennigwerth-Loge

Pfennigwerth-Loge

Eigentlich die offene Loge. Der Name Pfennigwerth-Loge kommt von der Nutzung der Loge durch die gleichnamige Höhere Töchterschule, die 1873 begründet wurde. Die Mädchen dieser Schule im Alter von 8 bis 18 Jahren nahmen von hier aus am Gottesdienst teil. Über die ursprünglichen Nutzer liegen keine Informationen vor. Die Loge gehört zur Erstausstattung von 1674. Einige Wappen auf der Brüstung sind in den Zurückliegenden Jahren verloren gegangen. Sollte diese Loge auch einen Schatten an die Wand werfen, könnte nach der Wandrestaurierung wenigstens deren Anzahl und Form nachvollzogen werden. Laut Restaurierungsbefunden stand auch sie zuerst nur im Holzton und wurde wahrscheinlich auch 1685 in ihre bis heute erhaltene Fassung gebracht. Die Pfennigwerth-Loge wurde durch Anke und Jan Großmann 1999/2000 restauriert.

Ratsherrengestühl

“Großes“ Ratsherrengestühl (Hauptteil) – restauriert 2014

Das so genannte Ratsherrengestühl, einem Chorgestühl ähnlich, war nur damals für das neu selbstbewusst auftretende Bürgertum der Stadt gedacht. Das Chorgestühl gehört zur Erstausstattung der Kirche nach der Wiedereinweihung 1674. Farbuntersuchungen ergaben, dass das Gestühl ursprünglich ungefasst im Holzton gestanden hat und vermutlich gleichzeitig mit Kanzel und Altar 1685 farblich gestaltet wurde. 1888 erhielt es die bis 2014 vorgefundene Fassung. Seine Bildmotive sind zwei Vorlagen entlehnt. Die Rückengemälde entstammen dem „Dankaltar” des Pfarrers Müller aus Rostock von 1669 und die Brüstungsbilder mit Motiven des großen Richters Samson (4 Bilder) sind dem Werk der biblischen Bilder aus „Icones Biblicae” des Matthäus Merian d.Ä. 1626 Basel entnommen. Das Gesamtgestühl ist heute in zwei Einzellogen getrennt. Ursprünglich waren sie ein Ganzes und bildeten insgesamt drei Sechsersitzgruppen. Wie diese Gesamtloge aussah und wie sie im Chorraum aufgestellt war, lässt sich anhand von Indizien nachvollziehen. Das heute noch bestehende „Große Ratsherrengestühl” besteht aus zwei Gruppen von je sechs Sitzplätzen.

“Kleines“ Ratsherrengestühl (Restteil) – restauriert 2014

Der abgetrennte Teil bildet einen Rest des dritten Sechserabschnittes das „Kleine Ratsherrengestühl”, das restauriert unter der sogenannten „Pfennigwerth-Loge” steht. Eindeutige Spuren weisen darauf hin, dass es einst an der linken Seite des großen Ratsherrengestühls anschloss. Heute finden sich als linke Wange des großen Ratsherrengestühls zwei Bilder aus dem Rückenteil des abgetrennten Gestühlteils. Die Tür aus der Brüstung und eines der beiden Brüstungsbilder ist verlorengegangen. Ein weiteres Brüstungsbild findet sich jetzt als Chorgestühl unter der Patronatsloge. Die Motive der Brüstungsbilder zeigen die großen Richter Gideon und Samson in ihren Taten.

Orgel-Empore

Orgel-Empore vor der Orgel – restauriert 2005

Die ersten drei Bildfelder der Orgel-Empore zeigen König David in Momenten, in denen seine Musikalität eine wichtige Rolle spielt. V.l.n.r. David Triumphzug nach Goliaths Sieg, David spielt Harfe vor Saul, David zieht als König in Jerusalem ein. Die Motive sind allesamt den „Icones Biblicae” des Matthäus Merian d.Ä. 1626 Basel entnommen, wie auch die der übrigen Emporenbilder.

Die rechten drei Bildtafeln stellen den Beginn des Passionsweges Jesu dar, der sich dann an der unteren Nord-Empore fortsetzt. Dabei fehlt allerdings der übliche Beginn, der Einzug in Jerusalem. Der wurde wahrscheinlich 1866, als die Empore vergrößert und in das Langschiff vorgezogen wurde, eingekürzt und als Chorgestühl ausgebaut. Es steht heute unter der „Offenen Loge”.

Untere Nordempore

Nordemporen

Mit dem vierten Bild des Passionszyklus wird die Geschichte des Leidens, Sterbens, Auferstehens fortgesetzt und mit Himmelfahrt und dem Pfingstereignis, der Geburt der Kirche, abgeschlossen. Die 1. Nord-Empore wurde samt Stützpfeilern 2004 restauriert.

Südempore

Die Südempore war 1866 um eine zweite Etage erweitert worden, um Sitzplätze für das 1893 erbaute evangelische Lehrerseminar der Lausitzer Stände zu schaffen. Sie war baufällig, war in Stil und Machart sehr einfach gehalten und störte den Lichteinfall der Südseite und verhinderte damit den ursprünglich gewollten Raumeindruck der Kirche samt ihres „kleinen Trostbüchleins” (siehe dazu oben „Nordemporen”). Deshalb wurde sie im Jahre 2007 vorsichtig rückgebaut und Teile ihrer Bestuhlung auf der 1. Südempore, die über keine Bestuhlung verfügte, mit verbaut.

Die erste Südempore ist mit Rankenmalereien versehen, wie alle anderen Emporen auch, die Medaillons jedoch zeigen keine Bilder sondern kunstvolle farbige Marmorierungen. Sie wurde im Jahre 2016 samt ihrer Säulen restauriert.

Epitaphien

Die Epitaphen (liegend) von Hans von Gersdorff und hinter der Bank von seiner Frau

Rechts und links vom Sakristeieingang befinden sich zwei Grabplatten aus dem Jahre 1567. Auf der rechten Grabplatte ist eine Gestalt mit langem Mantel und einem Wappen dargestellt. Es handelt sich um die Gemahlin des Hans von Gersdorff. Rechts liegt Hans von Gersdorff (1501 bis 1567) selbst, der 1548 durch die Berufung des Franziskus Fleischer die Reformation in Reichenbach eingeführt hat. Die Grabplatten stammen also aus der Zeit vor dem Brand von 1670.

Der Patron und Wiedererrichter der St. Johanniskirche nach dem Brand 1670

Epitaph für Georg Ernst I. von Gersdorff (Nordwand – noch ohne Begleitvorhang)

Das Epitaphium an der Nordwand neben dem Beichtstuhl ist für Georg Ernst I. von Gersdorff, den Kirchenstifter, errichtet worden. Dieser verstarb im Jahre 1713. Der Stein ist 4,20 m hoch und 2,17 m breit. Als weitere Materialien wurden neben Sandstein, auch Holz, Metall und eine Kupfertafel verwendet. Neben diesem großen Epitaphium befindet sich ein kleines „Ehrengedächtnis” für die Gemahlin des Kirchenstifters, Sophie Tugendreich von Gersdorff, geb. von Sander, direkt über der Priesterpforte. Sophie Tugendreich verstarb im Jahre 1717. Das Epitaph wurde aus Stein gehauen. Das Porträt der Frau von Gersdorff ist auf eine Metalltafel gemalt und mit einem Holzrahmen versehen. Beide Epitaphien wurden noch nicht restauriert.

Georg Ernst II. von Gersdorff, daneben ein Epitaph für Anna Sabina

An der Südwand des Chorraumes hängt links das Epitaph für Georg Ernst II. von Gersdorff, der 1743 verstarb. Daneben ein Epitaph für Anna Sabina geb. von Gersdorff, verstorben 1731 und deren Gemahl Christoph Sigismund von Cronenwaldt, verstorben 1722. Beide Steine sind ähnlich den Nordwand-Epitaphien aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt und sie wurden bereits durch Anke und Jan Großmann im Jahre 1998 restauriert. Ein letztes Epitaphium befindet sich im Hauptschiff am östlichen Pfeiler. Es ist Heinrich Gottlob von Oberländer, der 1717 verstarb, gewidmet. Bei den verwendeten Materialien handelt es sich um echten weißen Marmor (beide Engel und das Porträt) einem vergoldetem Herz (flammendes Herz in der Hand des rechten Engels) und anderem Stein.

Grüfte

Es befindet sich nachweislich eine Grablege derer von Gersdorff im Altarraum, die 1880 beim Anheben des Bodenniveaus und Neuverlegen des Ziegelpflasters freigelegt wurde. Der Eingang zu dieser Gruft liegt unter der Kanzel. In dieser Gruft befinden sich die Gebeine und ein Grabstein des Herrn von Sander, sowie die Überreste des 1713 verstorbenen Georg Ernst I. von Gersdorff und seiner 1717 verstorbenen Gemahlin. Die Gruft wurde bei der großen Renovierung 1887/88 geöffnet. Auf diese Gruft wird auch auf dem kleinen „Ehrengedächtnis” (Epitaph) für Sophie Tugendreich von Sanderin Gerdorffin an der Nordwand der Kirche hingewiesen.

Kirchturmuhr und Ziffernblatt

alte Uhr

Eine erste Uhr ist in den Chroniken bereits 1584 erwähnt. Im Jahre 1688 wurde eine neue Uhr eingebaut und dieselbe 1812 von dem Großuhrmacher und Schmied Christoph Ulrich aus Rosenhain renoviert. Das alte Uhrwerk steht noch heute im Kirchturm. Die jeweilige Kirchturmuhr war seit alters her immer Eigentum der Stadt und wurde erst am 5. März 1954 der Kirchengemeinde geschenkt. Im April 1996 wurden ein neues Läutewerk und eine neue, vollelektronische funkferngesteuerte Uhr von der Firma Ferner aus Meißen für 20.000 DM eingebaut. Seitdem schlägt die Uhr alle Viertelstunden mit einem Doppelschlag und die vollen Stundenschläge. Die meisten Läutezeiten für die Gottesdienste, sowie das Morgen- Mittag- und Abendläuten sind elektronisch gespeichert.

Ziffernblatt vorher – nachher – April 2021

2021 wurde nach der Sammelaktion „Schenk mir eine Minute für mein Ziffernblatt” das alte stark verwitterte Ziffernblatt von 1871 abgebaut und am 10. April unter großer Bürgerbeteiligung mit einem großen Kran ein neues Ziffernblatt und das sanierte Zeigerwerk an die St. Johanniskirche angebracht. Die Firma HIP Päsler und Hiller aus Tetta, die Firma Ehrlacher Glocken- und Uhrentechnik aus Crostau und die Kranfirma Felbermayer aus Görlitz bewerkstelligten das für knapp 12.000 EUR.

Glocken

Luther-Glocke

Beim Brand von 1670 waren auch die Glocken geschmolzen. Bereits 1672 wurde eine neue Glocke gegossen. 1728 wurde eine weitere kleine, von Benjamin Körner in Görlitz gegossene Glocke, aufgehängt. Sie hatte ein Gewicht von 4 Zentner, 20 Pfund. 1755 wurde die Glocke von 1672 umgegossen und 1772 wurden unter Zusetzung des Metalls der im Brand zerstörten Glocken zwei neue Glocken hergestellt. 1833 wurden alle drei Glocken in Klein Welka umgegossen. Die große Glocke (Christus-Glocke) war 33 Zentner schwer und trugt die Aufschrift: „Kommt, es ist alles bereit”. Die mittlere noch existierende Glocke (Luther-Glocke) wiegt 16 Zentner, trägt ein Bild von Martin Luther und die Aufschrift: „Haltet fest am Glauben”. Die kleine Glocke (Melanchthon-Glocke) hatte ein Gewicht von 9 Zentnern, zeigte ein Bild von Philipp Melanchthon und die Worte: „Alles und in allem Christus”. In den Chroniken steht, dass dieses Geläut weithin für seinen schönen Klang bekannt gewesen sei. 1917 entgingen diese Glocken nur knapp der Einschmelzung durch die Rüstungsindustrie. 1937 wurden elektrische Läutemaschinen angeschafft. Am 11. Juli 1942 mussten die kleine und die große Glocke an die Rüstungsindustrie abgeliefert werden. In der Glockenstube ist am linken Fenster Nordseite, Richtung Rathaus, dieses Datum eingeritzt. Nur die mittlere Luther-Glocke blieb der Gemeinde erhalten.

1955 erwarb die Gemeinde eine kleine Bronzeglocke aus dem Jahre 1921 aus Weißwasser mit einem Gewicht von 250 kg und 1956 eine neue, große in Apolda gegossene Stahlglocke. Diese ist 920 kg schwer und trägt die Aufschrift: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal. Haltet an am Gebet”. So befinden sich seit 1956 mit der erhaltenen mittleren Glocke wieder drei Glocken im Turm. Da der Dreiklang der Glocken und ihre klangliche Tragweite nicht von hoher Qualität waren und die Haltbarkeit von Stahlglocken nach 50 Jahren auch die längste Zeit hatte, plante die Gemeinde bis 2024 die beiden verloren gegangenen Glocken nachgießen zu lassen.

Christus-Glocke und Melanchthon-Glocke

2022 wurde das Projekt „Neue Glocken in altem Klang“ gestartet.
Das Ziel dieses Projektes war die notwendige grundlegende Sanierung der Glockenanlage und die beiden verloren gegangenen Glocken nachgießen zu lassen und so das alte, weithin bewunderte Geläut von 1833 wieder herzustellen.
Im Rahmen des 4-tägigen Festes zu 350 Jahre Wiedereinweihung der St. Johanniskirche Reichenbach/OL vom 20.-23.06.2024 fand am Sonntag, den 23.06.2024 nach Festgottesdienst und Feierstunde das erste gemeinsame Läuten aller 3 Glocken, inklusive der beiden neuen Glocken statt.

Geschichte 1238 – 1985

Die Entstehung, Geschichte und Baugeschichte

Handzeichnung von 1751 – früheste bekannte Baugestalt unserer Kirche (weit vor 1670)

Die Gründung der Stadt Reichenbach fällt in das 12. Jhd. Gleichzeitig wurde vermutlich auch die erste Kirche hier am Ort gebaut. Die älteste Bausubstanz unserer Kirche reicht in diese Zeit zurück.

1280: In einer Urkunde der Markgräfin Beatrix von Brandenburg vom 15. Mai 1280 wird die “Villa Reichenbach” erwähnt. (villa [Iat.] Stadt)

1346: Reichenbach wird als Sitz eines erzpriesterlichen Stuhles genannt.

1430/31: Vom 26. Dezember 1430 bis zum 19. Januar 1431 belagern die Hussiten die Stadt Reichenbach. Die Einwohner verschanzen sich hinter der Wehrmauer, später in der Kirche. Die Hussiten können die Mauer durchbrechen, nicht aber in die Kirche eindringen.

1434: Die Kirche wird wahrscheinlich als Folge des Hussitenkrieges um- und z. T. neugebaut.

1548: Hans von Gersdorff (1501-1567) beruft Franziscus Fleischer als ersten evangelischen Pfarrer aus Markersdorf nach Reichenbach.

Ähnlich dieser Abbildung könnte eine der Bauvorstufen unserer Kirche ausgesehen haben (vor 1670)

1584: Aus einer Urkunde vom 24. Januar geht hervor, dass zu dieser Zeit bereits ein “Seiger”, also eine Uhr an der Kirche vorhanden ist.

1620: Am 2. August schlägt der Blitz in den Kirchturm ein. Dabei kommen zwei Männer, die gerade die Glocken läuten, ums Leben.

1629: Durch einen Blitzschlag brennt am 8. Juli der Kirchturm ab. Die Wirren des 30jährigen Krieges verzögern den Wiederaufbau bis zum 28. Juli 1646.

1670: Der “schwarze Tag” von Reichenbach ist der 11. September. In der Auengasse vor dem Niedertor entsteht bei dem Schlosser Erhard Neumann, vermutlich durch Rauchen in dessen Schlafkammer, ein Feuer. Durch starken Westwind breitet sich das Feuer über die ganze Stadt aus. Fünf Kinder und eine Frau kommen in den Flammen um. Die St. Johanniskirche, das Pastorat, das Diakonat und das damit verbundene Schulgebäude, 15 Scheunen voll Getreide, die Malzmühle,die Baderei und 116 Wohnhäuser brennen ab. Im Keller des Bürgermeisters Raphelt verbrennt die Stadtlade mit den Stadtbüchern, vielen Dokumenten und Urkunden. Die Annenkirche, sieben kleine Häuser und das Hospital, die sich alle vor dem Obertor befinden, bleiben erhalten. Die Löbauer schicken am nächsten Tag 200 Brote und andere Lebensmittel, und die Stände veranstalten eine Sammlung, die 250 Taler ergibt.

1674: Die unter Georg Ernst I. von Gersdorff (1640-1713) wieder aufgebaute Kirche wird am 28. Oktober eingeweiht. Die Ausstattung, 1 Empore (Südseite). 2 Emporen (Nordseite), die noch kleinere Orgelempore, der Beichtstuhl, das Ratsherrengestühl, das Gestühl im Langschiff und beide Logen im Chor sowie die Wandmalereien sind durchgängig im Stile des Barock bzw. Frühbarock gestaltet. Spuren der ehemaligen Wehrkirche blieben erhalten z.B. mit den Türen der Sakristei, sämtliche aus schwerem Eichenholz mit Querriegeln versehen, mit dem Turmeingang, der sehr hoch und klein in der Turmwand liegt, versehen mit Stahlblechtüren, und die gleich dahinter befindliche ca. 170 cm tiefe Schüttkammer mit Querriegel. So erweist sich der Turm eindeutig als letzte Zuflucht und Burg von Reichenbach, was die mächtigen Mauern und die wenigen, sehr hoch gelegenen Fenster ebenfalls beweisen.Der damals erstellte Baukörper entspricht dem heute noch vorgefundenen.

Taufstein (1682) nach der Restauration (1995)

1682: Unter Pfr. Joh. Adam Gehr (1645-1686) erhält die Kirche ihre weitere Ausstattung. Am 16. März empfangen die Zwillinge Johannes und Maria Ritter, Kinder des Gärtners Martin Ritter aus Biesig, an dem neuen Taufstein als erste das HI. Sakrament der Taufe.

1685: Der Bildhauer Andreas Lembke (Berlin) und der Maler George Kayser (Görlitz) bauen den dreiteiligen Altar auf.

1688: Unter Pfr. Gottfried Koch (1646­1718) wird durch Daniel Richter aus Bautzen die zunächst weiß gestaltete Kanzel errichtet.Im gleichen Jahr wird eine neue Kirchturmuhr eingebaut, deren Uhrwerk heute noch erhalten ist.

1707: Der Maler Lodes Schönberg gestaltet die Kanzel farbig.

Epitaph von Georg Ernst 11. von Gersdorff (1676-1743)

1713: Georg Ernst I. von Gersdorff (1640-1713) stirbt. Das kunstvolle Epitaphium sowie ein kleines “Ehrengedächtnis” an der Nordseite des Chorraumes wird angebracht.

1715: Der Stiftsrat und Kanonikus von Merseburg, Erb- und Lehnsherr Heinrich Gottlob von Oberländer stirbt in Reichenbach. An ihn erinnert das Epitaphium an dem Pfeiler im Hauptschiff.

1724: Georg Ernst 11. von Gersdorff (1676-1743) beginnt mit der Einrichtung der Kirchenbibliothek. Sie wird einmal 300 Bände und einen Weltatlas umfas­sen. Die Bücher sind in zwei reichver­zierten Repositorien untergebracht.

1743: Georg Ernst 11. von Gersdorff (1676-1743) stirbt. Das Epitaphium an der Südwand des Chorraumes erinnert an ihn. Daneben wird für seine Schwester Anna Sabina (gest. 1731) und ihren Gemahl, den sächs. Oberstleutnant Christoph Sigismund von Cronewaldt (gest. 1722) auf Großkrausche (nicht hier begraben) ein Epitaph angebracht.

1756: Der Turm, bis dahin mit einem Schindeldach versehen, wird um einige Ellen erhöht, eine Haube darauf gesetzt und mit Ziegeln gedeckt, auch wegen der Brandgefahr bei Blitzschlag.

1774: Der Turmknauf und die Wetterfahne werden am 18. Oktober mit Einsegnung des Zimmermeisters Bähr auf den Turm aufgesetzt.

1784: Das Kirchendach wird umgedeckt.

1812: Die Kirchturmuhr wird von dem Schmied und Großuhrmacher Christoph Ulrich aus Rosenhain gründlich reno­viert.

1833: Unter Pfr. Joh. Karl Kober (1781-1856) werden die Glocken in Klein Welka durch den Glockengießer Gruhl umgegossen. Der Gedingegärtner Joh. Georg Marks aus Borda schenkt dazu 500 Taler, (7,8) und die Schalllöcher im Turm werden erweitert. (1) Der Turmknauf der St. Annenkapelle wird auf den Turm der St. Johanniskirche gesetzt und die vorhandenen Urkunden von 1774 übernommen.

1833: Die umgegossenen Glocken erklingen in einem feierlichen Dank­gottesdienst am 16. Oktober zum ersten Mal. Die große Christusglocke (Durchmesser 1,40 m, Höhe 1,22, Gewicht 33 Zentner) zeigt einen Christuskopf mit den Worten: “Kommt, es ist alles bereit.” Die mittlere Luther­glocke (Durchmesser 1,10 m, Höhe 0,95 m, Gewicht 16 Zentner) trägt das Brust­bild Luthers und die Inschrift: “Haltet fest am Glauben.” Die kleine Melanch­thonglocke (Durchmesser 0,90 m, Höhe 0,86 m, Gewicht 9 Zentner) ist geschmückt mit dem Bildnis Melancht­hons und den Worten: Alles und in allem Christus.”

1853: Der Innenraum der Kirche wird für 344 Taler 16 Groschen und 8 Pfennige renoviert.

1866: Die Gedächtnistafel mit den Namen der aus hiesiger Gemeinde im Krieg Gefallenen wird am Ewigkeitssonntag aufgestellt.

1874: Der hölzerne Taufstein wird durch Tischler Mühle aus Reichenbach erneuert. Die Taufe war durch das Herabfallen des Deckels stark beschädigt worden. Taufe und Altar werden durch den Vergolder Meyer aus Görlitz neu vergoldet. (ges. 300 Mark) Der Altar wird auch farblich neu gestaltet.

1875: Das Kirchdach wird im Herbst durch Dachdeckermeister F. W. Neumann umgelattet und umgedeckt. Std. Lohn: 23 Pf.

1880: Um den Altar wird das Ziegelpflaster entfernt und schwarz-weiße Zementplatten für 400 Mark verlegt. Bei dieser Gelegenheit wird eine Gruft und ein Grabstein des Herrn von Sander freigelegt.

Innenraum der Kirche

1887-1888: Der Innenraum der Kirche wird umfangreich renoviert. Die übrigen Flächen werden mit Zementplatten versehen. Die Wände werden abgeputzt und neu gestrichen. Hinter der Offenen Loge wird das Kirchenfenster nach unten verlängert. Das Gestühl im Schiff wird erneuert und durch neugotisches ersetzt. Offenbar um Chorraum und Schiff zu vereinheitlichen wird das neue und das historische Chorgestühl mit Holzimitationsmalerei versehen. Auch die Kanzel, durch Wurmfraß sehr beschädigt, wird restauriert. Hierfür schenkt der Apotheker Elsner 300 Mark. Die Kassettenfelder der Bürgerempore werden auf Kosten des Kaufmanns Proft wie Bilder gestaltet. (Kosten 4.000 Mark) Beim Entfernen des Pflasters unter der Kanzel wird die Gruft Georg Ernst I. von Gersdorff gefunden.Das Chorgestühl, der Beichtstuhl außen, die Kanzel und die Engel auf dem Orgelprospekt werden neu gefaßt. Die Epitaphien werden gereinigt und an dem Epitaph Georg Ernst I. die Weißpartien überfaßt. Die Offene und die Patronatsloge erhalten einen Firnisüberzug. Die renovierte Kirche wird am 2. September wieder eingeweiht.

1889: Regierungsbaumeister (Provinzial Conservator) Lutsch besichtigt im Auftrag der Regierung die Kirche. Nach seinem Urteil stamme das Gebäude in seiner jetzigen Gestalt etwa aus der Mitte des 16. Jhds. Den Rest und die Spur eines älteren Baues dürfte die äußere nördliche Wand des Chores aufweisen, wo in der Bruchsteinmauer sich die eine Seite einer Fensterumrahmung von behauenen Steinen finde. Die zweischiffige Anlage werde als zweckmässig befunden, weil bei einer größeren Kirche ein ungeteiltes Gewölbe einen einförmigen Eindruck mache. Die Pfeiler seien freilich unnötig stark. Der kleine vergoldete Abendmahlskelch mit der Inschrift: “Ave Maria, gratiae plena” stamme etwa von 1440 und dürfte der älteste Besitz der Kirche sein (ist verschollen, A.d.R.) wenn nicht ein Meßbuch in der Kirchenbibliothek älter sei.

1890: Oberpfr. Weigand (1825-1901) stiftet neue Ornamente an den Säulen des Altars für 175 Mark. Kaufmann Scheuner (Görlitz) stiftet zum Andenken an seinen Vater, der hier 1846-1855 Diakonus war, ein Glasbild (ist zerstört, A.d.R.). Es stellt Christus, als den Weinstock dar und ist im linken Altarfenster angebracht. 1897 kam es ins Sakristeifenster.

1897: Zwei bunte Glasfenster für 415 Mark werden im Altarraum angebracht (sind zerstört, A.d.R.l, gestiftet von Landeshauptmann von Seydewitz zur Konfirmation seiner Tochter Rita.

1904: Auf Drängen des Magistrats werden die Reste der alten Kirchmauer beseitigt. Die “Lange Straße” (heute Chr..-Gottl.-Käuffer-Str.) soll verbreitert werden. Die alten Steine der Mauer werden für das Gemeindehaus aufbewahrt.

1910: Die Patronatsloge wird gesichert bzw. restauriert.

1912: Die alte, verrostete Wetterfahne wird vom Kirchturm genommen. Eine neue, genaue Kopie der alten wird von Schlossermeister Richard Krabel mit Jahreszahl versehen, angefertigt und aufgesetzt.

1915: Die Kirche wird im Februar durch das städtische Elektrizitätswerk Görlitz mit elektr. Licht ausgestattet. Es werden drei Metallfadenlampen zu je 600 Kerzen (600 W) für die Kirche selbst, eine Lampe zu 100 Kerzen vor der Orgel, eine Anschlußdose und eine Lampe zu 25 Kerzen für die Beleuchtung der Sakristei angebracht. Kosten: 580 Mark, geborgt von Oberst von Seydewitz. Der Strom kostet 48 Pf./KWh.

1917: Im Kreisblatt erfolgt im März die Bekanntmachung des Kriegsministeriums über die Beschlagnahme aller Bronzeglocken.

1921: Aus einem Legat über 500 Mark des Buchdruckers Hoffmann aus Görlitz wird elektr. Beleuchtung für den Altarraum beschafft.

1923: Der Militärverein errichtet am 10. Juni einen Gedenkstein für die Opfer des 1. Weltkrieges und übergibt ihn der Kirchengemeinde.

1925: Das Dach über dem Altar wird neu gedeckt und die Treppe zum Turm umfangreich ausgebessert.

1926: Die Kirchturmuhr schlägt seit Beginn des Jahres nicht mehr. Ein heruntergefallenes Steingewicht hat das Schlagwerk so zerstört, dass die Instandsetzung hohe Kosten verursachen würde.

1927: Die ganz vom Schwamm zerfressenen Kirchenbänke an der Turmtreppe werden ausgebessert.

1929: Am 4. April genehmigt das Konsistorium die Aufhebung des Kirchenstuhlrechtes.

1937: Ein elektr. Geläut wird angeschafft und von der Fa. Wockelmann aus Herford montiert: drei Läutemaschinen, ein Spezialpendellager, der Gleichstrom- wird gegen einen Wechselstrommotor ausgetauscht. Kosten: 2.742,20 RM.

Reichenbach muss 1942 die Glocken für die Rüstungsindustrie abliefern

1942: Alle drei Glocken werden abgeholt, aber nur zwei von der Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Die mittlere Glocke kann zurückgeholt werden und bleibt so der Gemeinde erhalten.

1946: Durch Blitzschlag wird das Turmdach beschädigt.

1950: Das Turmdach wird durch Dachdeckermeister Hermann Hanßke und seinen Gehilfen Helmut Scheibe, beide aus Reichenbach, repariert. Sie verstauen dabei eine Urkunde für die Nachwelt.

1954: Die Kirchturmuhr, bisher Eigen­tum der Stadt, wird am 5. März der Kirchengemeinde geschenkt.

Stahlglocke

1955: Die Gemeinde kauft eine kleine Bronzeglocke aus dem Jahre 1921 aus Weißwasser. (Gewicht: 250 kg) Die Namensschilder auf den Kirchenbänken werden entfernt. Einige wenige “Inhaber” protestieren dagegen. Diese Schilder bleiben vorläufig erhalten.

1956: Eine neue große Stahlglocke wird in Apolda von der Fa. Schilling gegossen. (Gewicht: 920 kg)

1956: Beide “neuen” Glocken werden unter beträchtlichen Schwierigkeiten am 7./8. Juni in den Glockenstuhl aufgezogen und erklingen um 22.00 Uhr zum ersten Mal. Die Glockenweihe erfolgt am 1. Juli. Die Hussitenmauer wird repariert. Dazu gibt das Amt für Denkmalpflege Dres­den 2.000 Mark.

1959: Das Zifferblatt der Turmuhr wird im Mai durch Malermeister W. Weickert neu gestrichen, die Kirchen­fenster ebenfalls. Alle Schäden, z.T. noch aus dem Krieg, werden beseitigt. Das Konsistorium gibt 2.000 Mark dazu.

1962: In der Kirche werden im Frühjahr das gesamte Gebälk und die Ausstattung, die vom Holzwurm befallen sind, in einem Arbeitseinsatz der Gemeindeglieder entstaubt, danach begast der VEB Schädlingsbekämpfung Niesky die Kirche. Kosten: 4.033 Mark.

1963: Neue Lampen erhellen zu Weih­nachten die Kirche. Die letzten Namensschilder auf den Kirchenbänken werden entfernt. Auf besonderen Antrag bleiben einige als Erinnerungsstücke erhalten.

1967: Die Buchenhecke auf dem Kirchplatz (an der Chr.-Gottlieb-Käuffer-Str., A.d.R.) wird gepflanzt.

1969: Der Gemeindekirchenrat be­schließt den Einbau einer Bankheizung in Kirche und Kapelle.Durch die Fa. Schilling aus Apolda werden zwei Glocken in neue Joche umgehängt. Dadurch wird es nötig, die Antriebsräder für das elektr. Geläut umzubauen.

1971: Die Kirchturmuhr schlägt seit dem 21. Juli vorübergehend wieder den Stundenschlag. Im August werden durch Gemeindeglieder Gebälkschäden am Dachstuhl der Kirche behoben. An zwei Balkenköpfen werden Bohlen angeschuht und die Auflager erneuert. Das betroffene Dachstück wird neu eingelattet, so dass der Dachdecker (Fa. Hanßke) nur die Eindeckung vornehmen muss. Am 1. Oktober (Erntedank) wird die Bankheizung in der Kirche erstmals genutzt (Strahler, Reihe 1-16 im Mitteiblock).

Kirche im unsanierten Zustand vor 1985

1985: Trotz aller Bemühungen, die Kirche braucht eine Generalsanierung. Unter der Leitung von Pfr. Gotthard Malbrich findet am 17. Oktober der erste Lokaltermin zur Renovierung der Kirche statt. Eine 15jährige Baugeschichte nimmt ihren Anfang.

Geschichte 1985 – 1994

Erinnerungssplitter aus den Jahren 1985 – 1994 (aufgezeichnet von Pfr. i. R. Gotthard Malbrich)

Kirche Südseite vor 1985

Bei Dienstantritt im Sommer 1979 in Reichenbach gab ich mich der Hoffnung hin, baulich sei wohl alles bestens bestellt.

Der Alltag entblätterte vieles. Am auffälligsten sichtbar wurde der bedrohliche Zustand an der hölzernen Taufe von 1682, dem ältesten Ausstattungsstück nach dem Stadtbrand von 1670. Wohlwissend, dass eine Restaurierung fast unbezahlbar war, musste etwas geschehen.

Im Sommer 1981 verstarb ein angesehener Bürger der Stadt. Dessen Witwe vermachte uns aus seinem Nachlass eine größere Geldsumme. Der Gemeindekirchenrat (GKR) bestimmte diesen Betrag zur Restaurierung der Taufe. Damit war ein erster, kleiner Schritt getan. Bis zur Umsetzung gingen dann Jahre ins Land. An der Kirche waren bei Begehungen längst umfangreiche Schäden am Gebälk, der Dachhaut und am Gewölbe entdeckt worden. Neben dem kirchlichen Bauamt wurde dies auch dem staatlichen gegenüber, dem Rat des Kreises mit dem Kreisbaudirektor und der für Kirchenfragen zuständigen Referentin der Abt. Inneres vorgetragen. Am 17. Oktober 1985 war es soweit: Acht Vertreter der Kirche und des Staates trafen sich zu einer Baubesichtigung der St. Johanniskirche. In einer Niederschrift des Bauamtes ist festgehalten: “KBR Swoboda weist bei der Begehung auf die von außen sichtbaren umfangreichen Schäden im Bereich der Dächer und in den Traufbereichen hin, die bereits zu einer Gefährdung des Gebäudes geführt haben. Anschließend erfolgt Besichtigung des Kirchendaches und des Innenraumes. An den Südseiten sind im Bereich der Kehlen Durchfeuchtungen mit Putzabplatzungen und im Chor Ablösungen der Gewölbekappen von den Außenwänden festzustellen, die sich nach Auskunft von Pfr. Malbrich in den letzten Jahren erheblich vergrößert haben. In der nachfolgenden Beratung wird festgestellt, dass eine Instandsetzung der Kirche dringlich ist und mit einem konzentrierten Einsatz von Baukapazität zu bewältigen ist. Wegen der vom Kirchturm ausgehenden Gefährdung der darunterliegenden Dächer muss dieser in einem ersten Bauabschnitt instand gesetzt werden, obwohl die größten Schäden am Chor Südseite bestehen.”

Mehr als eine Absichtserklärung lag nach Abschluss der Beratung nicht vor. Denn es mussten nicht nur Betriebe vom Kreis beauflagt werden, auch der Rat des Bezirkes Dresden, Bezirksbauamt und Dr. G. Lewerenz, Sektorenleiter für Staatsrecht in Kirchenfragen, hatte seine Zusage zu geben und Baubilanzen, d.h. damals staatlich zugesagte Bauleistungen zur Verfügung zu steilen. Dachdeckerleistungen konnten vom Kreis nicht zugesagt werden, weil es keine Dachdecker mehr (!) gab. Kirchlicherseits wurden Dachsteine als Materialzulieferung und das kircheneigene Gerüst in Aussicht gestellt.

Der eingerüstete Turm der St. Johanniskirche 1987

Im Jahr 1987 sollte begonnen werden. Schon damals wies ich darauf hin, dass dies für das 1988 anstehende 750jährige Stadtjubiläum ein würdiger Auftakt wäre. Nun erfolgten die Vorarbeiten wie detaillierte Schadensermittlung, Konzeption der konstruktiven Sicherung und denkmalpflegerische Zielstellung. Fristgemäß wurde die Bauanmeldung beim Kreisbauamt für 1987 vorgenommen.

In der denkmalpflegerischen Zielstellung vom 9. Juli 1986 des Hauptkonservators Dr. H. Magirius aus Dresden, heißt es u. a.: “Der Kirchenbau ist eine romanische Saalkirche … Der jetzige platt geschlossene Chor stellt eine Erweiterung des romanischen Zustandes in gotischer Zeit dar … Am Bau erhielten sich ungewöhnlich große Partien romanisch gespritzten Putzes …, es ist darauf zu achten, dass in allen Bauteilen Partien dieses Putzes stehen bleiben und konserviert werden … Der Bau soll einen hellen Silikatanstrich erhalten.”

Tatsächlich konnte im Frühjahr 1987 mit dem Turm als 1. Bauabschnitt begonnen werden. Ungelöst jedoch war die Frage der Dachdeckerkapazität. Das Vorhaben drohte daran zu schei­tern. denn auch staatlicherseits konnte nicht geholfen werden. Aus kirchlichen Restbeständen wurden mittlerweile Dachpfannen für den Turm freigegeben. ohne zu wissen. ob diese passen würden. Wieder einmal musste. wie zu DDR-Zeiten üblich “Vitamin B”, die Beziehung. alles richten und so war Bezirksschornsteinfegermeister Hans Friedrich, aus Görlitz der rettende Engel. der ab August einige Wochen auf dem Kirchturm an der Arbeit war, ein rechtes Puzzle-Spiel. Zuvor aber standen wir noch vor einer schwer lösbaren Frage: Woher nehmen wir die zur Neudeckung nötigen Dachsteine? Sie in der DDR aufzutreiben, auch nur in geringer Stückzahl. erschien aussichtslos. Bemühungen des kirchlichen Bauamtes, diese aus Westdeutschland zu importieren. führten ebenfalls zu nichts. Dann jedoch geschah ein Wunder. Denn mindestens 90% der Ziegel von 1756 konnten wiederverwendet werden. Nur die Reihen an der Traufe tragen Steine von “heute”. Dies ist aber von unten nicht erkennbar.

Aufsetzen der gesamten neuen Turmspitze

In Kupferschmiedemeister Zasel aus Görlitz fanden wir den Mann. der den alten Knauf in Ordnung brachte und eine neue Wetterfahne. dem alten Vorbild von 1646 gleich, anfertigte. Malermeister Rimpl aus Löbau nahm die Vergoldung vor. Am Reformationstag (31.10.) wollte der GKR die neue Turmspitze aufsetzen. Bei herbstlichem Sonnenschein versammelte sich sonnabends die Gemeinde auf dem Kirchplatz und beging das Ereignis mit einer Andacht, einem Bausachstandsbericht und dem Verlesen der Dokumente, die in zwei Schatullen in den Knauf zu den alten aufgefundenen gelegt wurden. Ca. 80 Gemeindeglieder unterschrieben diese Dokumente mit. (Gesamtausgaben: 1. Bauabschnitt ca. 36.000 Mark der DDR)

Am Reformationstag 1987: Verbringen der Dokumente in die Turmkugel durch Pfr. G. Malbrich

Im Jahre 1986 hatte Reichenbach schon Besuch, eine kleine Gruppe des Rotary-Clubs Recklinghausen. Ein Mitglied dieses Clubs hatte Andreas Böer auf einer Synode einer westlichen EKU-Kirche kennengelernt. 6 Personen, unter ihnen Pfr. Twelsiek hatten den Wunsch, DDR-Wirklichkeit fernab von Berlin, dem Ost-Schaufenster zu erleben. Unsere Gäste zeigten sich sehr interessiert und ließen durchblicken, sie würden uns gern bei der Sanierung der Kirche helfen. Ihr Wort, oder besser, das eines Mannes, wurde eingelöst. Durch großzügige Unterstützung von Karl-Ludwig Schweißfurth, erhielten wir im Frühsommer 1988 Baumaterial, so u. a. die gesamten Dachziegel für das Langschiff und einen Bauaufzug, der in den Folgejahren unschätzbare Dienste leistete. Herrn Schweißfurth heute und hier zu danken ist mir eine besondere Freude. Im Frühjahr 1988, noch rechtzeitig vor dem festlichen Begehen des 750-jährigen Stadt Jubiläums, konnte der Turm gestrichen werden, dazu das Zifferblatt, auch wenn wir derzeit nicht an eine Reparatur der Uhr denken konnten. Blitzschutz musste eingebaut werden und noch vieles andere, dessen Notwendigkeit uns oft erst im Vollzug bewusst wurde.Im Laufe des Jahres 1988 konnte die Taufe zur Restaurierung nach Dresden gegeben werden. Bis nach der Währungsunion wurde in den dortigen Werkstätten daran gearbeitet (Kosten bis 30.06.1990 ca. 7.000 Mark, nach dem 01.07.1990 über 9.000 nun DM). Bei der damals unsicheren Finanzlage der Gemeinde mussten wir die Weiterarbeit einstellen. Da aber bot sich mein Vetter an, der in München eine staatlich anerkannte Fachakademie für Holzrestauration leitete und uns gerne helfen wollte. Dieses Angebot nahmen wir gerne an und brachten mit einigen Fahrten die zerlegte Taufe von Dresden nach München. Seit dem Herbst 1995 ist sie kostenlos restauriert wieder in Reichenbach. Auch hier sei ein herzlicher Dank ausgesprochen. Solch unerwartete Hilfe von außen spornt natürlich an.

Die Gemeinde deckt das Dach ihrer Kirche

Damit die Arbeiten auf dem Kirchendach an Gebälk und Mauerwerk getan werden konnten, mussten viele Tonnen Schutt beräumt werden. Arbeitskräfte waren knapp, also wurde zur Selbsthilfe aufgerufen. Ab 1988 gab es vom Sommer bis in den späten Herbst hinein freiwillige Arbeitseinsätze. Älteste, Gemeindeglieder und die Junge Gemeinde waren mittwochs ab 16.30 Uhr auf dem Kirchplatz zu finden. Es war eine schöne und auch bereichernde Arbeitsgemeinschaft, die uns persönlich näher brachte. Bis Ende 1992 wurde in 6 Bauabschnitten die Außensanierung des Kirchgebäudes betrieben. Fast am Ende dieser Arbeiten, man hatte mit der Außensanierung an der Nordseite begonnen und wanderte gegen den Uhrzeigersinn weiter, gab es durch Zufall eine wichtige baugeschichtliche Wiederentdeckung. Die Maurer fanden im Frühherbst 1992 beim Abschlagen des Putzes an der Ostwand der Sakristei eine zugemauerte romanische Fensteröffnung. Es wurde der Auftrag erteilt, das Mauerwerk herauszulösen und die nun sichtbar gewordene Fensteröffnung blind stehen zu lassen. Damit ist zumindest erkennbar, dass der älteste Bauteil der Kirche, vermutlich der erste Kirchenraum, die heutige Sakristei, romanischen Ursprungs ist.

War zu DDR-Zeiten die Geldbeschaffung zweitrangig, die Materialbeschaffung jedoch zentrales Problem, so änderte sich dies mit dem 03.10.1990 schlagartig. Jetzt hing alles davon ab, ob und wie viel Gelder ausgereicht werden konnten. Dankenswerterweise wurden unserem Objekt 1992 reichlich staatliche Fördermittel zur Verfügung gestellt, auch die eigene Kirche stand nicht zurück, so dass die umfangreichen Baumaßnahmen erfolgen konnten, ohne Schulden machen zu müssen.

Blick in die Sakristei vor der Sanierung (1997)

Schon 1992 fanden auch Sicherungsarbeiten im Chorraum statt, daneben auch denkmalpflegerische Untersuchungen am Mauerwerk durch Dipl. Restaurator Frank-Michael Heidrich aus Görlitz, der alte rötliche Bemalungen im Chorraum und an der Altargiebelfront ausmachte. Das Restauratorenehepaar Anke und Jan Großmann aus Dresden war wochenlang mit der Untersuchung von Farbfassungen und der dringenden Anobienbekämpfung am Altar beschäftigt. Vor dem Abschiedsgottesdienst am 10.04.1994 hatten wir die alten Zinnleuchter, m. W. die ältesten beweglichen Stücke in der Kirche von 1674, in einer Fachwerkstatt in Meißen überholen lassen.

So schied ich 1994 aus der Gemeinde mit dem Wunsch: “Möge die Gemeinde immer neu sich ausrichten auf den, der die Mitte der Kirche ist und bleibt: Jesus Christus. Johannes auf dem Schalldeckel der Kanzel bleibt Richtungsgeber. “

Blick auf die Kirche nach der Außensanierung 1988
Blick auf die Kirche vor 1985

Geschichte 1994 – 2000

Die Bauabschnitte von 1994 bis 2000 (aufgezeichnet von Pfr. Christoph Wiesener)

Altar vor Wiederentdeckung der Wandmalereien

Am 1. April 1994 geht Pfr. Malbrich in den Ruhestand und der Staffelstab geht am 1. November an mich über.Ich muss zugeben, dass mir die Bausubstanz der Kirchengemeinde ähnliche Sorgenfalten ins Gesicht trieb, wie meinem Vorgänger. Bereits bei meinem ersten Besuch am 2. September 1994 dachte ich: “Das schaffst du nie!” Dabei war doch von meinem Vorgänger schon so vieles aufgearbeitet worden. Aber es waren eben doch über 5 weitere Jahre harte Arbeit und noch viel mehr Geld notwendig, um alles in den heutigen Zustand zu versetzen.

Die Außenarbeiten waren abgeschlossen, inklusive des Vorplatzes (Westseite) der Kirche. So können wir, der GKR und ich, uns in den kommenden Jahren neben der abschließenden Gestaltung des Außenbereiches vor allem der Sanierung des Innenraumes, der Notkonservierung und der teilweisen Restaurierung der Ausstattung und Wandmalereien widmen. Die Planung dazu kostet schon 159.990 DM.

Alle Dokumentationen sowie die Notkonservierungen und Restaurationen, außer an der Taufe, führen die Restauratoren Anke und Jan Großmann aus Dresden aus. Die von ihnen geschaffenen Grundlagen und ihr Engagement für unsere Kirche erleichtern unsere Arbeit sehr. Dank schon gestellter Zuschussanträge durch meinen Vorgänger können die Arbeiten, ja müssen sie fast überstürzt noch im November beginnen, um die Mittel nicht verfallen zulassen. Und so machen sich Großmanns sofort an die Notkonservierung und Reinigung des Altars. Diese Arbeiten ziehen sich dann bis in das Jahr 1995 hin. Gleich zu Beginn des Jahres 1995, am 20. Januar, gründet sich auf meine Initiative hin der “Kirchbauverein der St. Johanniskirche Reichenbach”. Er soll uns in Zukunft helfen, die Eigenmittel zur Sanierung aufzubringen.

Mit der Restaurierung des Chorgewölbes wird umfangreiche Wandmalerei wiederentdeckt, die der Johannes-Offenbarung entstammt

Von Juli bis August wird durch Beihilfen der Stadt der größte Teil der Wehrmauer für insgesamt 49.795 DM gesichert. Am 23. Oktober kommt die restaurierte Taufe nach langer Irrfahrt wieder zurück in die Gemeinde. Die noch ausstehenden Bauarbeiten lassen jedoch eine sofortige Aufstellung in der Kirche nicht zu.

1996 bringt den ersten großen Schritt der Innensanierung. Zunächst wird das Altarpodest erneuert und das Gestühl des Langschiffes an den Wandseiten eingekürzt und repariert. Dabei wird der Originalfußboden aus gebrannten Tonziegeln entdeckt. Die Südempore wird angehoben und ihre Säulenfüße saniert. Gesamtkosten: 30.701 DM.

Von Juli bis Dezember wird der Chorraum der Kirche renoviert. Dazu werden die Risse in den Gewölben kraftschlüssig verpresst, neu verputzt, die alte Farbe abgewaschen und der Chorraum nebst Kreuzrippen nach alten Farbbefunden ausgemalt. Hinter dem Altar auf der Gewölbekuppel und an den Mauerschilden der Seitenwände werden, für die regionale Kunstgeschichte bedeutende Wandmalereien entdeckt und z. T. freigelegt. Gesamtkosten: 334.800 DM. Die Stadt trug davon 33%.

Die nur teilweise Öffnung der Wandmalereien, hält nun leider auch die biblische Botschaft unserer Kirche hinter den Farbschichten verborgen, denn die St. Johanniskirche predigt mit ihrer Wandmalerei. Ein Teil dieser Predigt konnte schon entschlüsselt werden, deshalb hoffen wir auf weitere Freilegungen.

Im September wird die gesamte Elektrik neu installiert (Kosten: 22.520 DM) und werden nach langem Beraten neue Lampen angebracht (Kosten: 21.820 DM). Die Lampen im Langschiff und Eingangsbereich werden nach dem Original aus dem Jahre 1915 gestaltet. Der Altar, und das ist neu, wird links und rechts von zwei medusenhäuptigen Leuchtern eingerahmt.

Gerüst im Chorraum mit eingehaustem Altar (1996)

Die erfreulichen Ergebnisse der Sammlung für die Kirchturmuhr führen zu der langersehnten Neuinstallation samt neuen Läutewerks. Beides wird für 20.000 DM von der Fa. Ferner aus Meißen eingebaut. Zu Ostern, am 7. April schlägt die neue volIelektronische und funkferngesteuerte Uhr erstmals nach langen Jahren wieder.

Der schlechte Zustand der Orgel sowie Hinweise auf Fördergelder für Orgelsanierungen führen dazu, dass wir auch diese Aufgabe angehen. (Diese Geschichte entnehmen Sie bitte der Festschrift zur Ladegast-Orgel.) Mit der nun möglichen Orgel Restaurierung geraten wir aber zusätzlich unter Druck. Denn die Orgel kann nur dann restauriert werden, wenn vorher das Langschiff saniert wurde, wegen des anstehenden Baudrecks. Wie kann diese zusätzliche große finanzielle Belastung getragen werden? Wir sind ratlos.

Partielle Öffnung der Deckfarbschicht an der Ratsherrenloge (1997)

1997 ist das Jahr der Verhandlungen. Anfragen, Anträge, Planungen und der kleinen Bauschritte in der Kirche. Es werden Restarbeiten am Gestühl und an der Elektrik vorgenommen. Dabei entdeckt Tischler Andreas Lange unter dem Gestühl links und rechts neben dem Sakristeieingang die zwei Grabmale aus dem Jahre 1567 wieder. In ihnen liegen Hans von Gersdorff und seine Frau.

Blick in den geöffneten Dachboden des Langhauses der Kirche (1999)

Eine ABM besetzt mit Frau H. Zeps sichtet, ordnet, reinigt und katalogisiert über 2 Jahre hinweg die Bibliotheks- und Archivbestände der Kirche. In der Patronatsloge werden die Bibliotheksschränke repariert, der Raum selbst neu eingerichtet. Ein alter Sakristeischrank wird aufgearbeitet und zur Aufnahme neuer Bestände in die Bibliothek gebracht. Die Schiebefenster der Loge werden wieder gangbar gemacht. In der Kirche wird nach einer erfreulich verlaufenden Sammlung eine Lautsprecheranlage für 9.500 DM installiert. Das Projekt zur Sanierung des Langhauses wird für 57.000 DM erstellt. Weitere Zuwendungsbescheide sowie EKU Kollektenmittel für die Not-konservierung der Ausstattung der St. Johanniskirche ermöglichen 1998 die Sicherung der Farbfassungen der Offenen Loge sowie die Notkonservierung der beiden Epitaphien an der Südwand im Chor. Nebenbei werden erste kleine Öffnungen der Farbdeckschichten an den übermalten Ausstattungen vorgenommen (Offene Loge, Emporenbilder, Ratsherrengestühl).

Zwei Bleiglasfenster in der Patronatsloge werden repariert. Die Sicherung bzw. Restaurierung der Ausstattung kostet in diesem Jahr 33.750 DM. Ein neues Glockenjoch für die mittlere Glocke wird wegen akuter Unfallgefahr von der Fa. Thumsch, Heidenau einge­baut und die Klöppellager repariert.

Vorzustand der Nordwand des Kirchenschiffes (1998)

Sämtliche Bankheizungsstrahler werden überprüft und wenn nötig ersetzt. Das Gestühl im Langhaus erhält Sitzkissen. Damit sind unsere Bemühungen um eine angenehmere Nutzbarkeit der Kirche zu einem ersten Abschluss gekommen.

Durch eine AB Maßnahme (4 Personen) können die bisher noch nicht sanierten Kirchmauerabschnitte (Westseite, Anbindungen, Pfarrhaus, Hussitentor) endlich auch in Stand gesetzt werden. Die gefundenen Grabsteine werden an der Westseite der Kirchmauer wieder aufgestellt.

Im Jahre 1999 ist es endlich soweit. Wir haben das Geld zusammen und können es selbst noch nicht fassen. Ja, sowohl die Orgelrestaurierung als auch die Langhaussanierung ist möglich. Denn eine erste Kostenschätzung für das Langhaus von 500.000 DM wird auf 370.000 DM gedrückt. Die konkrete Ausschreibung und die Vorarbeiten der ABM Mannschaft ergeben dann finanzierbare 250.000 DM. Aber auch die dafür nötigen 140.000 DM Eigenmittel können wir nur deshalb aufbringen, weil uns unsere Rotarier Freunde aus Recklinghausen spontan 21.000 DM spenden, wir vier Baugrundstücke verkaufen und auch die letzten Rücklagen noch aufgebraucht werden.

Bevor aber die Bauarbeiten schon im zeitigen Frühjahr beginnen, wird die Orgel durch die Fa. Jehmlich aus Dresden ausgebaut.

Südwand mit abgeklopftem Putz und gereinigten Fugen (1999)

Das Langhaus wird endlich saniert. Es ist sowohl in seiner Statik als auch in seiner Ansehnlichkeit stark in Mitleidenschaft gezogen. Als Vorarbeit müssen das Dachgebälk und seine Auflagerpunkte saniert und so statisch wieder ausreichend stabilisiert werden. Dazu räumen die ABM Kräfte über 75 m3 Schutt aus den Gewölbezwickeln. Ebenso wurde die gesamte Dielung (über 500 m2) aufgenommen, da sich an den Binderbalken immer größere Schäden zeigen. Danach wird mit Hilfe der TU Dresden eine Entkopplung von zwei Auflagepunkten auf den Gurtbögen des Gewölbes vorgenommen, um Lastschäden am Gewölbe in Zukunft zu vermeiden. Die ABM Kräfte haben mittlerweile den Putz im Langhaus der Kirche bis unter die erste Empore vollständig abgehackt (ca. 200 m2) und die Fugen ausgekratzt. Nun werden alle Risse im Langhaus verpresst, geputzt und das gesamte Langschiff mit Vorraum, Sakristei, Patronatsloge und Langhausfenster farblich gemäß der Befunde gestaltet. Die Erweiterung der Arbeiten auch auf diesen Bereich, bei gleichem Preis, wird erst durch die ABM Arbeiten und durch eine beachtliche Regie- und Verhandlungsleistung unseres Architekten, Dirk Böhme, möglich. Und immer wieder stoßen wir auf Zeugnisse alter Baustufen. In der Patronatsloge wird Originalsubstanz aus der Entstehungszeit der Kirche (gotisches Putzfugenbild und Birnstabkreuzgewölbe) entdeckt. In der Sakristei findet Malermeister Handschuh unter der Deckfarbschicht ein kleines Wandgemälde, “Der leidende Christus”, aus dem Jahre 1930 von dem Italiener Silvia Baccaglia. Im Eingangsbereich wird der Fußboden mit gebrannten Tonziegeln ausgelegt. Gegen alle Erwartung schaffen wir es, zu Pfingsten die Konfirmation in der neuen Kirche zu feiern. Kosten für das Langhaus: 248.000 DM und für die Orgel: 215.000 DM.

Was wir mit diesem Bauabschnitt noch gar nicht eingeplant hatten, ist nun doch überraschenderweise geschafft:

Die Kirche ist nach 15 Jahren baustellenfrei!

Bilder aus der Sakristei

Derselbe Abschnitt im neuverputzten Zustand.
Abgeklopfter Putz, der frühere Baustufen sichtbar macht (Ziegelsteinausmauerung eines Fensters links oben)

Was bleibt, sind kleine Renovierungsmaßnahmen am Sockel der Wände und an den Treppen, sowie die Restaurierung der übrigen Ausstattung.

Von September bis November wird der Kirchplatz durch eine eigens dafür beantragte ABM mit einem Wegenetz versehen.

Im Frühjahr 2000 gehen die Arbeiten an der Orgel weiter und der gesamte Orgelprospekt wird durch Großmanns restauriert.

Das Pfeifenwerk der Orgel kommt am 10. April zurück.

Letzte Arbeiten auf dem Kirchplatz werden verrichtet: Der Kirchplatz wird eingesät und mit Bäumen und Büschen z. T. neu bepflanzt.

Das Kreuzrippengewölbe des sanierten Chorraumes (1997)

Das völlig verrostet abgebaute Eisengitter für die Kirchentür in Richtung Rathaus wird durch die Stahlbaufirma Christian Dittrich kostenlos restauriert und am 14. April wieder eingebaut. Damit sind alle Eingänge der Kirche mit Metallgittern gesichert. Die vier ABM Beschäftigen beschließen ihre Maßnahme nach zwei Jahren mit der Sanierung der Treppenaufgänge im Kirchturm. Alle in der Kirche aufgefundenen Ölgemälde (Portraits der v. Seydewitz etc.) werden im Eingangsbereich der Kirche als kleine Bildwand angebracht. Großmanns beginnen am 30. Mai mit der Restaurierung der Offenen Loge. Zusätzlich werden Farbschichtöffnungen an Gestühlteilen und an einem Emporenbild vorgenommen, letzteres als Geschenk an die Gemeinde. Der Kristalllüster aus dem Chorraum wird restauriert. Vom 6. bis 30. Juni wird die Orgel intoniert.

Damit schließt mein Bericht mit der Hoffnung, dass die St. Johanniskirche nach der vollständigen Restaurierung ihrer Ausstattung eines Tages ihre ganze Schönheit und Aussagekraft wieder erhalten wird.

Reichenbach im Juli 2000

Pfr. Christoph Wiesener

Geschichte 2000 – 2021

Die Restaurationsbemühungen um die stileinheitlich erhaltene aber im 19 Jahrhundert stark überfasste frühgotische St. Johanniskirche von 1674

2000

Zum Abschluss der Bau- und Renovierungsarbeiten in dem Langschiff, der Sakristei und dem Eingangsbereich und zur Wiedereinweihung der Orgel feiert die Gemeinde vom 27. Juni-02. Julidie Festwoche 2000 mit vielen Konzerten, zwei Ausstellungen, im Rathaus und in der Kirche, mit Jubiläumsveranstaltungen und sogar einer Ballonfahrt des Bürgermeisters Andreas Böer und Pfarrer Christoph Wiesener.

Eine Besonderheit in der Sakristei wurde dabei wieder in Gang gesetzt. An der Südwand befindet sich in der Mitte des Raumes eine sogenannte Piscina, das Ausschüttbecken für das Taufwasser. Diese führt alles Wasser durch die dicken Außenmauern an die Außenwand der Kirche, um dort einen Weinstock zu gießen und wachsen zu lassen, so wie jede Taufe die Gemeinde wachsen lässt. Dieses Sinnbild wurde durch das Pflanzen eines neuen Weinstockes wieder installiert. Der alte musste wegen der Putzsanierung entfernt werden.

2001-2005

Die Stifter-Epitaphen von Ernst von Gersdorf und das kleine „Ehrengedächtnis” für die Gemahlin des Kirchenstifters, Sophie Tugendreich von Gersdorff, geb. von Sander, direkt über der Priesterpforte, die Epitaphen der Kinder an der Südwand des Chorraumes – links das Epitaph für Georg Ernst II. von Gersdorff, der 1743 verstarb, daneben das Epitaph für Anna Sabina geb. von Gersdorff, verstorben 1731 und deren Gemahl Christoph Sigismund von Cronenwaldt, verstorben 1722 – wurden in diesen Jahren restauriert. Ein letztes Epitaphium befindet sich im Hauptschiff am östlichen Pfeiler. Es ist Heinrich Gottlob von Oberländer, der 1717 verstarb, gewidmet und ist bis heute – 2021 – unrestauriert.

Auch die Orgelempore mit Bildern des Musikanten König Davids sowie die ersten Bilder des Passions-Zyklus und die dazugehörige erste Nordempore werden restauriert. Dabei entdeckt der Restaurator Jan Großmann aus Radebeul zwei eindeutige Hinweise auf den ausführenden Künstler George Keyser, damals wohlGörlitz. In dem folgenden Jahr erhalten wir auch die Gelder, um die Patronatsloge an der Chorsüdwand wieder zu „entdecken”. Dabei finden sich weitere Spuren des Kirchenmalers George Keyser. Nach weiteren biographischen Spuren suchen wir bis heute – 2021. Wir hoffen noch sehr auf Hinweise.

2006-2008

Die Taufe wird in den Mittelpunkt der Gemeinde, in die Mittelachse der Kirche in die vordere untere Chorebene gestellt und mit einem Podest versehen. Die zweite Südempore wird ausgebaut und mit dem daraus anfallenden Material werden die Podeste und das Gestühl der ersten Südempore neu gebildet.

Die ausführlich vorbereitete, geplante, beworbene und von allen Seiten befürwortete „Restaurationsdekade der St. Johanniskirche 2006-2016″ kommt zum Erliegen. Erst das Engagement des zu dieser Zeit als Bundestagsabgeordneter agierende Michael Kretschmer wird ab 2012 neuen Schwung in unser Bestreben bringen.

Gleichzeitig gelingt es immer mehr Quellen zu den Malereien und zu historischen Hintergründen dieses Kirchbaus zu finden und zu erschließen. Dadurch und durch die bei der Restauration zahlreich aufgefundenen Hinweise erschließen sich zunehmend die Beweggründe und Ziele der Ausstattung dieser Kirche. Diese historischen Informationen machen deutlich, dass nichts in dieser Kirche nur als Schmuck angelegt wurde, sondern alles einen Hintergrund und eine Botschaft hat, die sehr eng mit der Welt- (30jähriger Krieg, Pestzeiten) aber auch mit der Ortsgeschichte (Stadtbrand 1670, Entwicklung der Stadt, Lehreempore etc.) verbunden ist.

2013-14

Die Große und Kleine Ratsherrenloge werden restauriert und Teile der sie rahmenden Wandmalerei an der Südwand werden freigelegt. Die Ratsherrenloge bestand ehemals wohl aus drei Sechsergestühlblöcken, die mit Wangen abgetrennt und mit zwei Türen an der Brüstung zugänglich waren. Die Rückenteile sind mit Bildern und lateinischen Glaubenssprüchen verziert, die aus dem „Dankaltar” des Pastors Gerhard Müller aus Rostock von 1669 stammen und die Brüstung zeigt Bilder der beiden Großen Richter Gideon und Simson, Kopien aus der Merian-Bibel. Von diesem Gesamtwerk wurde das linke Sechsergestühl abgetrennt. Aus dem abgetrennten Teil nahm man zwei Rückenbilder und baute daraus die linke Brüstungswange der verbleibenden 12 Sitze. Ein Brüstungsbild des großen Richters Gideon wurde in einer unabhängigen Chorgestühlsbrüstung verbaut, die steht heute ohne Rückenteil unter der Patronatsloge vor dem Sakristeieingang.

Das abgetrennte Teil besteht heute aus drei Sitzen mit Rückenbildern und steht restauriert als „Kleine Ratsherrenloge” mit dem Brüstungsteil das den Einzug Jesu in Jerusalem zeigt unter der Pfennigwerth-Loge an der Nordwand. Verloren gegangen sind demnach eine Brüstungstür und ein Brüstungsbild mit einem Motiv des Richters Gideon.

Dadurch ergibt sich, dass die Loge wahrscheinlich 1866 nach vorne in Richtung Langeschiff gerückt wurde. Die so entstandene Überdeckung der Wandmalerei erhält eine der letzten Reste der Originalbemalung, die jetzt wieder sichtbar ist.

Das Grab Hans v. Gersdorffs von 1567 wird von dem nachträglich darauf platzierten Gestühl befreit, neu gefasst und mit einer Inschrift in der Stufe dahinter versehen. Das Chorgestühl wird restauriert und neu platziert. Die Malerei über dem Fenster der Chor-Nordwand wird freigelegt.

2015

Der evangelische Beichtstuhl wird restauriert und die ihn umgebende linke Hälfte der Ostwandmalereien wird freigelegt. Dabei zeigt sich, nicht nur der Altar wirft seinen Schatten als Malerei auf die Wand, sondern alle Ausstattungsgegenstände, bis auf die Kanzel, sind so auf die dahinterliegende Wand projiziert. Der Beichtstuhl weist außen eine Bilderserie auf, die dem Lutherischen Beichtbüchlein entnommen ist: Unserem „Herr, sei mir Sünder gnädig” folgt die Zusage Jesu: „Dir sind Deine Sünden vergeben.” Dazu sind der Verlorene Sohn und die Salbung der Sünderin zu sehen. Im Inneren weisen drei Darstellungen aus den Emblemata von Daniel Cramer von 1624 auf die Verheißungen der Beichte hin. Und über den Beichtenden öffnet sich dann der Himmel, wie die vier Engel inmitten einer azurblauen Szene zeigen.

2016

Unsere Ladegast-Orgel feiert ihren 150. Geburtstag. Mit Festkonzerten und großer öffentlicher Aufmerksamkeit wird dieser Moment von der ganzen Stadt begangen.

2016-2018

Der Süd-Empore und alle Emporensäulen im Kirchenschifferhalten ihre ursprüngliche Farbgestalt zurück.Der Begleitvorhang um die Kanzel wird freigelegt und bildet einen hochwertigen Kontrasthintergrund für diesen evangelischen Mittelpunkt der St. Johanniskirche.

Die Kanzel und die Südwand werden restauriert. Die Kanzel entpuppt sich dabei als der „brennende Dornbusch von Reichenbach”, die in ihrem Goldschein alle Aufmerksamkeit des eintretenden Besuchers auf sich zieht, so wie der Dornbusch damals den Mose zu sich lockte, um dann Gottes Wort zu vernehmen. So zieht nun die Kanzel die Neugier der Gemeinde auf sich und lässt sie näher treten und erfährt dann von den Zeugen des Alten Testamentes (von unten nach oben: die großen Propheten Daniel, Hesekiel, Jeremia – der Reichenbacher Jeremia – und Jesaja) und dann der Kanzelkorb das Neue Testament mit den Evangelisten (Johannes, Markus, die Mitte dieser Reihe stellt den Satz des Johannes-Evangeliums dar „Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.” (1,17), dann folgen die Evangelisten Matthäus und Lukas. Der aktuelle Zeuge, der amtierende Pfarrer mit seiner Predigt bildet den Abschluss. Er steht unter einem Himmel, aus der eine Taube herabschwebt, damit der Heilige Geist den Geist des Pfarrers bewege. Der Kanzelaufgang über Eingang ist mit einer Allegoriefigur, der fides, geschmückt, dem Glauben; davon soll auf der Kanzel die Rede sein. Diese Anordnung ist ganz evangelisch, denn mit Luther gilt nach Röm 10,17: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.”

2019-2020

Der Altar und 2. Hälfte Ostwand werden „entdeckt”. Au der rechten Seite sind die Symbole und Werkzeuge des Verrates, der Gefangennahme und der Folterung zu erkennen, auf der linken Seite die Werkzeuge der Kreuzigung. Diese waren ursprünglich tatsächlich am Altar befestigt und bereicherten so den Altar. Das Zentrum des Altars bilden drei Bilder. Die Praedella zeigt das letzte Abendmahl, nun wieder mit Abendrot dezent, zentrales Bild die Kreuzigung zeigt den Moment, indem Jesus stirbt und die Sonnenfinsternis erfolgt. Das oberste Bild stellt die Pietas dar, die Beweinung Jesu und Grablegung und als Bekrönung steht die lebensgroße Figur des siegreichen Auferstandenen mit der Siegesfahne und der Siegeshand.

Das ist so auch an der Gewölbedecke als Schattenwurf zu sehen. Allerdings steht hier Christus auf dem unterworfenen und in Ketten gebannten Tier mit den sieben Köpfen und den zehn Hörnern. Und links unter dem Mantel Jesu finden sich vier Figuren, v.l.n.r.: die Hure Babylon, der Tod, der Teufel und der falsche Prophet. Die Putti links und rechts zu Füßen Jesu haben auf dieser Wandmalerei Flügel, wohl Zeichen einer anderen Wirklichkeit, die dort herrscht.

Über dem Südwandfenster, als Bekrönung, wurde bei der Aufdeckung der Wandmalerei der Erzengel Michael entdeckt. Nun steht die Frage, wer ist die dritte Figur über dem Nordwand-Fenster? Diese wichtige theologische Frage steht noch aus und kann bei der Offenlegung der Nordwandmalerei beantwortet werden.

2021-2022

Abschluss „Restaurierungsdekade St. Johanniskirche”

Die Taufe wird nun wohl 2021 noch beschieden werden und restauriert werden können.Sie wurde 1994 zwar schon einmal renoviert, aber in dem Farbzustand von 1866 und auch der Anobienbefallhat erneut große Schäden angerichtet und die Farbfassung weist großflächige Schalenbildung aus.

2022-2024 (Vision)

Die 2. Nord-Empore, die restliche Nord-Wandmalerei im Chorraum, dabei vor allem die Epitaph-Rahmungen der Patrone und die dritte Figur des Triumvirats werden dabei „entdeckt” werden. Das wird noch einmal viele Erkenntnisse zur Gesamtgestalt und Theologie dieser Kirche bringen.

Die Reinigung aller Ausstattungsgegenstände, wird dann hoffentlich 2024 vollzogen werden.

Projekte neben der Restaurierung aber für die St. Johanniskirche

Im Jahr 2019 und 2020 sammelten wir die Eigenmittel für ein neues Ziffernblatt, das 18 angebracht und schon drei Mal übermalt wurde. Gut 10.000 EUR waren dazu notwendig um am 10. April 2021 mit einem großen Kran wieder angebracht zu werden nebst restauriertem Zeigerwerk. Eine Großspenden der Sparkassenstiftung schlesische Oberlausitz, des Lions-Club Niesky-Lausitzer Neiße und des Kirchenkreises SOL haben uns dabei sehr geholfen.

Zudem ist unser Geläut sanierungsbedürftig. Die Glocken musste Reichenbach 1942 für Kriegszwecke abgeben. Die Ersatzbauten nach dem Kriege sind der damaligen Mangelzeit geschuldet und so sind nun einige auf Dauer immer wieder kostenintensive Mängel zu beheben. Die Aufhängung (gekröpfte Joche) ist verschleißanfällig und der Glockenstuhl entspricht nicht den statischen Anforderungen, bedroht das Mauerwerk des Turmes. Die drei Glocken sind nicht aus einem Guss, sondern zusammengesetzt und haben deshalb keinen sauberen Dreiklang. Die große „Christus-Glocke” ist nun schon mehr als 55 Jahre alt und wird bald ersetzt werden müssen. Sie und die kleinen Melanchthon-Glocke sollen neu gegossen werden. Zusammen mit der uns noch verbliebenen original Luther-Glocke bilden sie dann den ursprünglichen as-Dur-Dreiklang. Dazu sollen alle Glocken in gerade Joche und in einen statisch ertüchtigten Glockenstuhl gehängt und die Antriebe entsprechend angepasst werden.

Die genauen Kosten kennen wir noch nicht, aber das Zeitziel, der 24. Juni 2024. Dafür sammeln wir jetzt schon, denn das soll die Krönung unserer dann 34 jährigen Bemühungen um diese Kirche werden.

Juli 2021

Pfr. Christoph Wiesener

Restaurierungsdekade

Die Geschichte der St. Johanniskirche und das Konzept der Restaurationsdekade

Die St. Johanniskirche Reichenbach/Oberlausitz hat ihre Ursprünge im 11./12. Jahrhundert.

Bei einem Stadtbrand am 11. September 1670 brannte sie vollständig aus. Die Kirchengemeinde mit ihrer Patronatsherrschaft – der Familie des Ernst von Gersdorf – bewältigte es, die Kirche mit neu hergestellten Einbauten bereits 1674 wieder weihen zu können.

Diesem gewaltigen und konzentrierten Bauvorhaben verdankt die St. Johanniskirche ihre stilistisch und gestalterisch einheitliche Ausstattung. 1685 erhielt die Kirche ihre vollständige Innenausmalung mit einem durchgängigen theologischen und künstlerischen Konzept. Die Bilderzyklen und die Dekoration der Ausstattung malte der Görlitzer Maler George Keyser. Der Künstler der raumhohen Wandmalereien im Chorraum ist noch unbekannt. Nach dieser Zeit folgten zeitnah die Epitaphien und im 19. Jahrhundert eine zusätzliche Empore und die Ladegastorgel.

Die heutige Reichenbacher Kirchengemeinde bemüht sich bereits seit DDR-Zeiten um die Erhaltung und Wiederherstellung des Gotteshauses. 

Nach Abschluss der Außensanierung erfolgte 1993 eine umfassende restauratorische Befunduntersuchung an Wandfassungen und Ausstattungselementen des Innenraumes. Sie brachte zutage, dass unter einer nahezu vollständigen Übermalung von 1888 die originalen Fassungen, Malereien und theologischen Inhalte aus der Zeit um 1685 weitestgehend erhalten sind. Seit 1994 wurde der Bestand konserviert und es erfolgten die ersten Restaurierungen an einzelnen Ausstattungsstücken.

Durch starkes Engagement der Kirchengemeinde und eine sinnvolle Strategie der Einbindung von Spendern sowie durch die kontinuierliche – wenn auch prozentual abnehmende – staatliche Förderung konnten selbst so große Vorhaben wie die Restaurierung der 1. Empore Nordseite und der Orgelempore – und damit der Gemäldezyklen – realisiert werden. Das hier vorgelegte Gesamtkonzept folgt der vom Landesamt für Denkmalpflege 1993 bestätigten Denkmalpflegerischen Zielstellung für die Behandlung von Ausstattung und Wandmalereien weiter, die seit 1994 schrittweise verwirklicht wird: Die konservatorische und restauratorische Wiederherstellung der Fassungen aus der Zeit um 1685, ergänzt durch die bis 1742 schrittweise hinzugekommenen Epitaphien sowie die wertvolle Ladegastorgel von 1866. 

Die außergewöhnliche Stileinheitlichkeit, die sehr hohe künstlerische Qualität und das faszinierende theologische Konzept für die Gesamtgestaltung, das Pfarrer Christoph Wiesener in den letzten Jahren aus den bereits sichtbaren Befunden herleiten konnte, rechtfertigen für dieses außerordentliche, überregional bedeutsame Objekt nicht zuletzt aus konservatorischen Gründen die weitgehende Rückführung auf den erhaltenen Bestand vom Ende des 17. Jahrhunderts. Die flächendeckende Renovierung von 1888 hat hier die Grundgestaltung und Grundaussage schrittweise verbaut und negiert.

Das hier vorgelegte Gesamtprojekt stellt auf der Grundlage der Untersuchungsergebnisse von 1993 und zusätzlich neu gewonnener Erkenntnisse der Restauratoren und der Nutzer der Kirche (die sich in den letzten 13 Jahren in der Summe Wochen und Monate in diesem faszinierenden Raum aufgehalten haben) einen Plan vor, wie innerhalb von 10 Jahren systematisch und mit konstant hohem Anspruch historische Aussage und Gestalt dieses Kirchenraumes wieder erlebbar und im Detail nachvollziehbar werden können. Die schrittweise Vorgehensweise wie in den vorangegangenen 13 Jahren erfolgreicher Erhaltungsarbeiten wird weiterverfolgt; nur wird nunmehr erstmals eine „Fertigstellung” ins Auge gefasst.

Diese Straffung, das Zu-Ende-Denken und eine strenge Systematisierung im Vorgehen ist Voraussetzung für die Gewinnung von Sponsoren. Die Gewinnung externer Gelder ist wiederum Voraussetzung für die Realisierbarkeit des Konzeptes.  Restauratorische Grundsätze sind wie bisher: strikte Erhaltung des Originalbestandes, Wiederherstellung eines gepflegten, gealterten Zustandes ohne „klaffende Wunden”, eine gewisse bewusste Flexibilität bei der endgültigen Entscheidung zum Umfang der wieder zu präsentierenden Wandmalereien, damit heutigen Sehgewohnheiten Rechnung getragen wird; ein sparsamer und verantwortungsvoller Umgang mit den finanziellen Ressourcen der Kirchengemeinde.

Das Gesamtprojekt „Restaurierung der St. Johanniskirche Reichenbach / OL 2006 – 2016″ ist eine umfassend befundgestützte Vision zum einen und zum anderen die erstmalige systematische und fundierte Zusammenstellung aller nötigen Teilschritte bis zur endgültigen Verwirklichung der seit nunmehr 13 Jahren verfolgten denkmalpflegerischen Handlungsrichtung. Es ist das nach einem konsensualen Diskussionsprozess bestätigte Programm von Eigentümern, Landeskirche und Landesdenkmalpflege. Die Ausführung der Arbeiten soll in der angebenen Reihenfolge erfolgen; Konservierungs-/Restaurierungsarbeiten an Ausstattung und Wandmalerei sowie die begrenzten baulichen Eingriffe erfolgen dabei in koordinierter weise parallel.


Evangelische Kirchengemeinde Meuselwitz-Reichenbach, Theologische Begleitung und juristische Vertretung Pfarrer Christoph Wiesener, Kirchplatz 2, 02894 Reichenbach / OL Tel.: 035828 / 72494, Fax: 035828 / 71513, E-Mail: ekgm.meuselwitz-reichenbach@ekbo.de  

Bauliche Beratung: Dirk Böhme, Dipl.-Bauingenieur; Büro für Bauuntersuchung und Restaurierung Laibacher Str. 29, 01279 Dresden, Tel.: 0351 / 251 2271, Fax: 0351 / 259 8536, E-Mail: bbr-boehme@t-online.de

Restauratorische Planung: Bereich Ausstattung: Anke & Jan Großmann, Dipl.-Restauratoren für Gemälde und polychromierte Holzskulptur (VDR) Ledenweg 29, 01445 Radebeul, Tel. + Fax: 0351 / 836 1553, E-Mail: Ankejangrossmann@aol.com

Bereich Wandmalerei: Frank-Michael-Heidrich, Dipl.-Restaurator für historische Architekturfarbigkeit Gersdorfer Straße 27, 02894 Reichenbach / OL Tel.: 035828 / 888 33, Fax: 035828 / 888 34, E-Mail: heiderest@gmx.de

Ladegast-Orgel

Ladegast-Orgel – 1866

Ladegast Orgel

Die Orgel wurde in den Jahren 1865/66 von Orgelbaumeister Friedrich Ladegast (1810 – 1905) und seinen Gehilfen für 1.126 Taler erbaut. Es handelt sich um eine Schleifladenorgel mit mechanischer Traktur, 2 Manualen, 17 Registern und Pedal. Sie hat klingende Prospektpfeifen und einen Spieltisch in Schrankform. Die Abnahme der neuen Orgel erfolgte durch den damaligen Orgelsachverständigen Friedrich Wilhelm Görmar am 12. März 1866. Für den Neubau der Orgel musste die Orgelempore erweitert werden. Gleichzeitig wurde eine zweite Empore auf der Südseite mit 90 Plätzen eingebaut. Im Jahre 1905 erfolgten erste Reparaturen und eine Nachintonation durch die Firma „Schlag & Söhne” aus Schweidnitz für  160 Mark. 1917 mussten die 35 Prospektpfeifen für die Rüstungsindustrie abgeliefert werden. Die Firma „Gustav Heinze” aus Sorau baute dann 1920 neue Prospektpfeifen ein, reparierte das Instrument und versah es mit elektrischem Antrieb. Auch ein weiteres Register im zweiten Manual, Aeoline 8′, kam hinzu. 1935 wurde die Orgel durch die Firma „Hermann Eule” aus Bautzen umgebaut. Die Stimmhöhe wurde von 452 Hz auf 435 Hz gesenkt und die Disposition dem Zeitgeschmack entsprechend „barockisiert”. Die Kastenbälge von Friedrich Ladegast wurden durch einen Doppelfaltenmagazinbalg mit Schöpfer ersetzt. In diesem Zustand verblieb die Orgel bis 1999.

Festgottesdienst im Juni 2000

Die Firma „Jehmlich” aus Dresden übernahm dann die schwierige Aufgabe, die Orgel wieder in ihren Originalzustand von 1866 rück zu bauen und diese wieder zu einer echten „Ladegast – Orgel” zu machen. So wurde das Instrument unter strengster Beachtung denkmalpflegerischer Kriterien innerhalb eines Jahres (1999/2000) restauriert. Leitender Restaurator der Firma Jehmlich war Orgelbaumeister Andreas Hahn. Das Restaurierungskonzept schloss die Rekonstruktion des verloren gegangenen Originalzustandes des Pfeifenwerkes, sowie die Wiederherstellung der originalen Disposition ein. Dazu wurden die Dokumente aus der Erbauungszeit des Instrumentes genutzt, sowie erhalten gebliebene Schwesterninstrumente aus der gleichen Schaffensperiode Ladegast besichtigt. Heute verfügt die Orgel wieder über 982 Pfeifen. 619 davon in Metall und 363 in Holz. Die größte Pfeife weist eine Länge von 5,20 m auf. Rekonstruiert wurden 112 Holzpfeifen und 187 Metallpfeifen, eingeschlossen die 35 Prospektpfeifen. Vom Originalbestand des Pfeifenwerkes von 1866 sind somit noch rund 70% erhalten.

Die Restaurierung der Ladegast-Orgel wurde unterstützt durch die

Friedrich Ladegast

Friedrich Ladegast

Hermann J. Busch

Friedrich Ladegast – Leben und Werk

Friedrich Ladegast wurde am 13. August 1818 in Hochhermsdorf bei Geringswalde (09326 Hermsdorf) als Sohn des Tischlers und Zimmermanns Christlieb Ladegast und seiner Ehefrau Rosina, geb. Dathe, geboren. Die erste Ausbildung erhielt er in der Orgelbauwerkstatt seines älteren Bruders Christlieb in Geringswalde. In dieser Zeit fallen die ersten selbständig gebauten Instrumente, die Ladegast in seinem Werkverzeichnis 1875 als Opus 1 und Opus 2 führte. Spätestens 1848 dürfen wir also die Lehrjahre für beendet ansehen, und Ladegast arbeitete in den folgenden Jahren bei einer Reihe sächsischer Orgelbauwerkstätten, die in der Tradition der Silbermann-Nachfolge standen.

1846 gründete Ladegast in Weißenfels seine eigene Werkstatt. Die Anfänge waren schwierig und Ladegast sah sich nach Helfern um. Der Merseburger Domorganist Engel hat seine Begegnung mit dem jungen, noch erfolglosen Meister anrührend geschildert: “Kurz nach meiner Anstellung in Merseburg, Ostern 1848, hatte ich einen jungen Orgelbauer, Namens Ladegast, hier kennengelernt. Er war gekommen, mir seine Noth zu klagen. ( … ) allein Hülfe konnte ich ja auch nicht gleich bieten. Es verging ein volles Jahr, ehe es sich fügte, dass der Graf Zech-Burkersrode ihm in dem kleinen Dorf Geusa bei Merseburg den ersten kleinen Orgelbau anvertraute. “

Ladegast hatte außergewöhnliche Anstrengungen unternommen, um das Vertrauen des königlichen Orgelrevisors zu rechtfertigen. Engel schreibt:

“Die am 9. September 1849 stattgehabte Abnahme dieser Orgel erregte mein höchstes Entzücken. Ich fand ein in jeder Beziehung reizendes Werkchen.” Dieser Erfolg hat wohl unseren Meister zur Gründung eines Hausstandes ermutigt: 1850 heiratete er Bertha Lange, die Tochter des Weißenfelser Stadtorganisten, die selbst Orgel spielte und ihren kränklichen Vater häufig im Organistenamt vertrat.

Unter diesen frühen Orgeln Ladegasts in der Umgebung Merseburgs, ist die unverändert erhalten gebliebene Orgel in Hohenmölsen von 1851 mit 24 Registern die größte. Sie ist zugleich die erste einer langen Reihe, über die in der “Urania”, der deutschen Orgelzeitschrift des 19. Jahrhunderts, ausführlich berichtet wurde. Der Autor kann auch berichten, dass die glänzende Beurteilung, die das Instrument durch den Merseburger Domorganisten erfuhr, den Ausschlag gab, dass ihm “Die Reparatur der großen Domorgel in Merseburg (für den Preis von 4.500 Thlr.)” übertragen wurde.

Bald war aus der Merseburger Reparatur ein Neubau des Instruments für 6.258 Taler geworden, der im Sommer in Angriff genommen und nach zweijähriger Bauzeit am 17. September 1855 der abschließenden Revision unterzogen wurde.

Franz Brendel, einer der namhaftesten deutschen Musikpublizisten des 19. Jhds., Redakteur der “Neuen Zeitschrift für Musik” und Vorkämpfer der Neudeutschen Schule, besuchte das Merseburger Instrument schon während der Aufstellung und kündigte am 31. August 1855 mit der Vorhersage die Einweihung an: “Dass dieses Orgelwerk einen neuen Abschnitt in der Orgelbaukunst bezeichne, indem hier Dinge erreicht worden sind, die bisher an keiner anderen Orgel vorkommen.”

Von den beiden nächsten großen Aufträgen kommt einer noch aus nächster Nähe von Weißenfels. Ladegast baut seine erste dreimanualige Orgel mit 34 Registern 1857 für die Kirche der Landesschule Schulpforta. Im gleichen Jahr geht jedoch ein Werk mit zwei Manualen und 39 Registern nach Memel in Ostpreußen. Ebenfalls 1857 wird noch ein kleines Werk nach Niederschlesien geliefert, und damit ist Ladegast durch den Ruhm der Merseburger Domorgel aus der Sphäre des regional begrenzt arbeitenden Orgelbauers hinausgetreten.

Am 1. März 1857 erhält Ladegast dann den zweiten ganz großen Auftrag seines Lebens, die Orgel für die Nikolaikirche in Leipzig. Das zunächst mit 59 Registern vorgesehene Instrument wuchs in der Planung bald auf 84 Stimmen und 4 Manuale an. Zur Vorbereitung des Leipziger Projekts unternahm Ladegast eine Studienreise nach Süddeutschland und Frankreich. Sein Bestreben, dabei neue musikalische Anregungen zu erfahren, fand er enttäuscht, in technischer Hinsicht aber hat er in Paris wichtige Anregungen erhalten: Das am 16. November 1862 eingeweihte Leipziger Riesenwerk wies zwei wichtige Neuerungen auf, die auf den Einfluss Aristide Cavaille-Colls zurückgehen.

Erstmals verwendet Ladegast hier die Barkermaschine, erstmals sind die Windladen von drei Manualen in je zwei Abteilungen geteilt, die über Sperrventile ein- und ausgeschaltet werden können.

Im folgenden Jahr konnte der Meister für die Stadtkirche seiner Heimatgemeinde Weißenfels ein dreimanualiges Instrument mit 41 Registern fertigstelIen. Im Jahr darauf eine 39registrige Orgel für die Schlosskirche in Wittenberg. Zahlreiche kleinere Instrumente wurden in den sechziger und siebziger Jahren für Dörfer in der Umgebung von Weißenfels geliefert, gingen aber auch immer wieder nach Görlitz und Umgebung. Dabei war 1866 eben auch die Orgel in Reichenbach OlL.

Ungeklärt ist noch, wie es zu zwei Aufträgen 1865 und 1869 in der Pfalz kam. Das Jahr 1867 sah die Weißenfelser Orgelbauer bei der Aufstellung von drei zweimanualigen Instrumenten in Lettland. 1868 ging sogar eine Orgel in den “Musiksaal des Herren Cludoff” nach Moskau. Mehrere Aufträge der Jahre 1868 bis 1871 führte Ladegast in Gemeinschaftsarbeit mit seinen früheren Mitarbeitern Geissler (Eilenburg) und Rühlmann (Zörbig) aus, denn am 26. Februar 1866 war der Vertrag über die dritte viermanualige Orgel geschlossen worden, die Ladegast endgültig in die erste Reihe der europäischen Orgelbauer seiner Zeit einrücken ließ und die von diesem Ruhm bis auf den heutigen Tag kündet: Die Orgel des Domes zu Schwerin.

Das nicht nur für Ladegast sensationelle Neue an dieser Orgel war technischer Art: “Die pneumatischen Hebel für die Register und das Crescendo und Decrescendo des ganzen Werks sind neue Einrichtungen, welche keine andere Orgel in Deutschland aufzuweisen hat.” Erfunden hat Ladegast die pneumatische Steuerung der Schleifen nicht, Cavaille-Coll hat sie 1863 und 1866 an seinen beiden größten Orgeln in Paris, Saint-Sulpice und Notre-Dame, erstmals gebaut, und wir dürfen in der Übernahme dieser Novität sicher ein weiteres Indiz für den Austausch zwischen den beiden Großmeistern sehen.

Noch während der Arbeit an der Schweriner Domorgel erringt Ladegast einen großen Erfolg bei einem Wettbewerb, an dem sich einige der namhaftesten Orgelbauer Europas beteiligten. Die “Gesellschaft der Musikfreunde” in Wien baute 1869 ihr neues Gebäude mit dem inzwischen weltberühmt gewordenen Konzertsaal und versandte im Januar 1869 eine Ausschreibung über den Bau der Orgel für diesen Saal an die renommiertesten Orgelbauer des Kontinents: Es siegte Ladegasts vielfach gerühmte “Bescheidenheit der Forderungen”. Er legte deutlich das günstigste Angebot vor, 44 Register für 6.575 Taler.

Gleichzeitig mit der Wiener Orgel ent­stand die 47registrige Orgel für die Stadtkirche in Köthen, als nächste große Arbeit wurde 1874 der gründli­che Umbau der Orgel der Pauliner-Kirche zu Leipzig abgeschlossen.

Mit dem Bau der dreimanualigen Orgel für die Apostelkirche in Münster, dem Sitz des westfälischen Oberkonsistoriums, erschloss sich Ladegast ein neues Wirkungsfeld. Zwischen 1875 und 1905 gingen 10 Orgeln aus Weißenfels nach Westfalen, darunter dreimanualige Instrumente nach Siegen 1877 und Altena 1894. Zwei repräsentative Aufträge gingen in den siebziger Jahren nach Osten, eine dreimanualige Orgel für die Kreuzkirche in Posen (Poznan) unverändert erhalten! – und die bis dahin viertgrößte Orgel Ladegasts für die Ritter- und Domkirche in Reval (TalIinn), 1878 mit 58 Registern auf drei Manualen fertig gestellt. Hier gab Ladegast eine “Kurze Beschreibung der neuen Orgel in der Ritter- und Domkirche zu Reval nebst Andeutungen über den Gebrauch derselben” im Druck heraus. Mit diesen “Andeutungen” stellte sich Ladegast in die Tradition jener Orgelbauer, die für ihre Instrumente Registrierungsanweisungen hinterlassen haben.

1890 wird Ladegast an der Ausschreibung für die zweitgrößte Orgel Deutschlands beteiligt, die in der Hamburger Nikolaikirche gebaut werden sollte. Den Auftrag für das hundertregistrige Werk erhält jedoch die Firma Röver in Hausneindorf.

Ein letztes Mal tritt Friedrich Ladegast öffentlich in Erscheinung, als im November 1895 umfangreiche Arbeiten an der Leipziger Nikolaiorgel abgeschlossen sind. “Altmeister Ladegast,

der trotz der Last seiner 78 Jahre noch eine beneidenswerte Frische und Rüstigkeit besitzt, führte am Abend des 7. November das mächtige Werk einem geladenen Kreise andächtiger Zuhörer vor und zeigte sich hier sowohl als unübertroffener Meister der Intonation wie auch als ein Künstler, der sein Werk ausgiebig zur Geltung zu bringen vermag.” Im achtzigsten Lebensjahr übergab der Vater dem Sohn die Firmenleitung. Am 30. Juni 1905 starb Friedrich Ladegast in Weißenfels im Alter von 87 Jahren.